Kikujiros Sommer
Takeshi Kitano, Japan 1999

Wir erinnern uns schaudernd: die erste Deutschstunde nach den großen Sommerferien. Die Urlaubslaune ließe sich in den Schulalltag hinüberretten, würde es nicht irgendwann heißen: "So, und jetzt die Hausaufgaben. Bis morgen ein Aufsatz zum Thema: Mein schönstes Ferienerlebnis."

Pädagogen sind grausam. Das ist ein Naturgesetz und gilt auch in Japan. Dort müssen Schulkinder gleich ein komplettes Ferientagebuch anlegen, inklusive hübscher Bildchen. Ein solches Tagebuch bildet das Leitmotiv in Kitanos neuem Film "Kikujiros Sommer". Der Knabe Masao lebt elternlos bei seiner Oma. Besagte Pädagogengrausamkeit würde ihn als "Schlüsselkind" bezeichnen: Frühstück, Schule, Heimgehen und sich Mikrowellenfraß anwärmen, Hausaufgaben, mit den Kumpels treffen und am Abend endlich ist die Oma von der Arbeit zurück und fragt halbherzig, wie denn der Tag so war. Immer das gleiche. Kein Wunder also, daß Masao eines Tages schlichtweg vergißt, das die Sommerferien begonnen haben. Mutterseelenallein steht er auf dem Bolzplatz. Niemand da, alle sind mit ihren Eltern schick im Urlaub.

Masaos Mutter wohnt in einer fernen Stadt. Er hat sie seit Jahren nicht gesehen, aber kennt ihre Adresse und besitzt ein altes Photo. Masao macht sich einsam auf die Reise. Noch nicht weit gekommen, trifft er eine Nachbarin. Die sorgende Frau hat eine großartige Idee. Sie verdonnert ihren Gatten zur Reisebegleitung. Der ist ein mundfauler Taugenichts und hoffnungslos dem Wettspiel erlegen. Die erste Station führt unser ungleiches Heldenpaar also in eine Radrennarena. Der Ältere knüpft Masao das Taschengeld ab und in Nullkommanix ist alles verzockt. So machen sich die beiden im geklauten Taxi, als Tramper, Gelegenheitsdiebe und Betrüger auf den Weg. Und Masao sammelt Anekdoten genug, um in seinem Ferientagebuch gleich mehrere Kapitel zu füllen.

Am Ende der turbulenten Reise hat er zwar seine Mutter immer noch nicht getroffen, aber die schönsten, freiesten und lustigsten Tage seines Lebens verbracht an der Seite eines merkwürdigen Mannes, der sich von einem mürrischen Grobian zu einem wahren Phantasiebündel gewandelt hat, dem immer neuer Blödsinn einfällt, der ein echter Elternersatz geworden ist.

Wer bereit ist, sich auf diese naive Geschichte von der Freundschaft zwischen einem Kind und einem "Kind im Geiste" einzulassen, kann an "Kikujiros Sommer" mindestens so viel Vergnügen finden, wie am Charlie Chaplin-Klassiker "The Kid". Regisseur Kitano hat es sich natürlich nicht nehmen lassen, den gutherzigen Anarchisten selbst zu verkörpern und damit gegen die Festlegung seiner Figur auf aggressive Cops oder schießwütige Mafiosi anzuspielen. Diese Absicht lastet beizeiten wie ein Programm auf dem Film. Es gibt einige Durchhänger.

Bewundernswert ist auch dabei die Dickschädeligkeit, mit der Kitano seinen gemächlichen Rhythmus beibehält. Wie in seinen anderen Filmen spitzt sich die Handlung nicht auf einen dramatischen Höhepunkt zu, sondern plätschert vor sich hin. Nicht die Auflösung der Geschichte ist wichtig, sondern das Zugucken. Interessant ist nicht die Erklärung, warum welche Figuren was machen, sondern die Beobachtung. Und für dieses Beobachten nimmt Kitano sich alle Zeit der Welt und rahmt die vielen kleinen Episoden in wunderbare Bilder.

Weil sie beim Trampen keinen Erfolg haben, legen die beiden Gauner ein selbstgebasteltes Nagelbrett auf die Straße. Die ersten drei Wagen fahren daran vorbei, das Nagelbrett wird hin und hergeschoben. Beim nächsten stimmt endlich die Position, das Auto schlingert mit kaputten Reifen weiter und kracht mit Schmackes die Böschung hinunter. Aus der Ferne schaut die Kamera unseren Helden beim Davonlaufen zu. Der Große vorneweg, der Kurze hinterdrein.

Urs Richter



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