L'Humanité
Bruno Dumont, Frankreich 1999

"Das Schöne ist nur des Schrecklichen Anfang" - als Rilke das in die Welt gesetzt hat, gab es noch keine Filmkunst, aber sein Satz trifft genau zu auf ein Werk wie "L'Humanité". Auf Messers Schneide balancieren dessen stärkste Szenen zwischen Erhabenheit und Perversion. Gleich zu Beginn ein Schock: "Der Ursprung der Welt", Courbets obszöner Frauenakt mit gespreizten Beinen wird als Filmbild nachgestellt. Die Leiche eines 11jährigen Mädchens liegt nackt im hohen Gras, die Vagina blutig, der Körper malträtiert, ermordetes Opfer einer Vergewaltigung. Drei quälende Stunden lang werden wir den ermittelnden Polizisten begleiten durch seinen Alltag in einem Nest in Flandern.

L'Humanité ist ein Film, in dem der Gleichmut einer Landschaft in Opposition gebracht wird mit dem Drängen des Körperlichen, des Sexuellen zumal. Er ist auch ein Film, der einen Kampf austrägt zwischen der Abstraktionsfähigkeit des filmischen Blicks und den dramatischen Erfordernissen des Erzählens. Am ersichtlichsten wird dieser Zwist am verschleppten Verlauf der Recherche. Die Region, die Kleinstadt dämmert unter schwüler Sommerhitze vor sich hin, der Aufklärungswille ihrer Bewohner scheint zu verdunsten. Es gibt Hinweise, die zu nichts führen und erschöpftes Warten auf Hilfe von Außerhalb. Irgendwann ist fast egal, wer die Tat begangen hat, ändern lässt sich sowieso nichts mehr. In dieser Schicksalsergebenheit entsteht natürlich keine Spannung, wir sehen keinen Kriminalfilm.

Statt dessen den Kommisar im Gemüsegarten. Sein Blick auf einen Hügel in diesiger Ferne gerichtet, er guckt und guckt und wir mit ihm. Da schwebt er plötzlich. Eine Heiligenfigur, so lautet wohl die griffige Bezeichnung. Und tatsächlich hätte es nicht erstaunt, wenn Bruno Dumont seinen Helden übers Wasser gehen ließe. Die Wunder und auch das Wunderliche äußern sich jedoch anders. Der Leib und seine Dysfunktionen, das Begehrliche und Abstoßende werden hier zum Bestimmungsort des Realen im Metaphorischen und des Metaphorischen im Realen. Borstige Haut, borstige Geschlechtsteile, borstige Algiererlocken, schwitzende Nackenwülste, sabbernde Lippen - das ist die Menschheit. Muss man das lieben? Ist das dann Menschlichkeit? L'Humanité- der Titel bleibt mehrdeutig.

So ambivalent wie die Hauptfigur. Seit Jahren ist der Polizist in seine Nachbarin verliebt. Als sie sich ihm anbietet, als Geschenk, stößt er sie zurück. Das Begehren gibt es nicht ohne den Körper, aber das Begehren des Körpers ist dumpf, die Decke der Zivilisation dünn. Wie ein Hund leidet der Gute an dieser Einsicht. Andererseits - was täte ein Heiliger ohne Sünder. Das Übel der Welt ist seine Rechtfertigung. Er würde es gerne auf sich vereinen, statt dessen erregt es ihn so, dass er davonlaufen muss.

Diese krude, nicht zu sagen exzentrische Metaphysik poltert daher unter einer in weiten Teilen atemberaubend elegischen Inszenierung, die einem auch viel und ganz realistisch erzählt vom gleichgültigen Lebensrhythmus der Provinz. Von den ergebnislosen Versuchen, dem immergleichen Alltag etwas Aufregung abzuringen. Die Trostlosigkeit dieser Ausbruchsversuche hat mir mehr zugesetzt, als das offenbare Entsetzen. Darin kokettiert Dumont sehr mit seinen privaten Obsessionen. Mich interessieren die nicht.

Ein schöner Film, der anfängt, schrecklich zu werden.

Urs Richter



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