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Lovers Jean-Marc Barr, F 1999 Das beherrschende Cineastenthema der vergangenen zwölf Monate waren eindeutig das DOGMA 95 und die filmischen Folgen dieses handwerklichen Keuschheitsgelübdes. Dabei sind zwar dessen Regeln etwas konstruiert und willkürlich - das sind sie aber bisher noch bei jedem künstlerischen Initiationsschwur gewesen. Getreu den altbewährten Mustern des neuzeitlichen Manifestwesens werden dementsprechend auch diese Regeln nicht auf Teufel komm raus geheiligt, sondern sie werden spielerisch benutzt, um als frei gewählte Fesseln des Ausdrucks eben diesen Ausdruck zu befreien. So jedenfalls bei den gelungenen DOGMA-Markenartikeln wie den Idioten. Wenn nun aber auch bisher nicht alle der dänischen Dogmafilme ganz überzeugen haben können - eines hatten sie auf alle Fälle sichtlich gemeinsam: ihren Regisseuren scheinen sie heillosen Spaß gemacht zu haben. Das kann man auch für den neuen, intim gemachten Dogma Nummer Fünf in Anschlag bringen, "Lovers" von Jean-Marc Barr. Er kommt übrigens noch vor der dänischen Nummer Vier ins Kino und ist der erste Dogma-Film eines Nicht-Manifest-Unterzeichners. Ein Dutzend solcher Dogma-zertifizierten Filme sind, glaube ich, gerade europaweit in der Mache, was die an dieser Stelle schon geäußerte Theorie vom Dogma als einem Marketing - Geniestreich nur bestätigen kann. (Da paßt ja auch das - natürlich unabhängig davon - bald ins Kino kommende American-Dogma-Ereignis "The Blair Witch Project" ganz gut ins Bild.) Vermutlich wird also angesichts der zu erwartenden Dogma-Lawine inzwischen hinter den dänischen Kulissen schon längst mit Kirch verhandelt, so daß sich die Bewohner der Premiere World vielleicht schon bald neben Kinder-Channel, Fußball-Channel und Wichs-Channel auch auf einen Dogma-Channel im digitalen Programm-Bouquet freuen dürfen. Von den medialen Möglichkeiten zukünftiger Echtzeit-Webcam-Dogma-Wucherungen einmal ganz abgesehen. - Doch zurück zum Film. Er erzählt eine Pariser Liebesgeschichte zwischen der jungen Buchhändlerin Jeanne (Elodie Bouchez) und dem jugoslawischen Künstler Dragan (Sergej Trifunovitsch). Erst nach einiger Zeit stellt sich heraus, daß Dragan ein sans-papier ohne Aufenthaltsberechtigung ist: er wird bei einer Routinekontrolle erwischt und des Landes verwiesen. So sieht sich die intensive Liebe der beiden vor eine Zerreißprobe gestellt, Dragan taucht unter und wohnt klandestin bei Jeanne. Was natürlich nicht gut enden kann. "Lovers" erfüllt formal die Dogma-Kriterien. Nüchtern-statische Einstellungen mit lautem und authentischem Hintergrund-Geräusch, die trocken den Handlungsort vergegenwärtigen (zum Beispiel die Küche von Jeanne oder ihren Laden), wechseln sich ab mit der gewohnten Handkamera oder intimen Nahaufnahmen, bei denen man im grobkörnigen Dunkel der Digitalkamera den Atem der Protagonisten spürt. Allerdings interessiert "Lovers" eigentlich nicht als formales Experiment. Jeanne und Dragan sind nämlich klassische Protagonisten, Figuren einer Liebesgeschichte, für deren Erzählung sich Regisseur/Kameramann Barr und Autor/Toningenieur Arnold eben des Dogma-Instrumentariums als einer geeigneten Filmsprache bedienen. Weil nun aber eben diese Geschichte nicht besonders fesselnd ist, kann auch die brave Dogma-Umsetzung nicht weiter faszinieren. Rettungsanker könnte bei solchermaßen ins Langweilige tendierendem Gesamteindruck der schauspielerische Intensitätsbonus der Dogma-Methode sein. Natürlich ist manche Einstellung spontan gelungen, sicher erzeugt der unbeirrbare und doch menschliche, der unbestechlich-bestechende Doku-Blick auf die beiden Liebenden immer wieder jene spröde Nähe, die man im vorhinein erwartet hat. Aber "Lovers" verläßt sich in dieser Hinsicht viel zu sehr auf die Ausstrahlung der zugegebenermaßen wunderbaren Elodie Bouchez. Sie wird in diesem Film mit Hingabe ausgestellt. Die Szenerie ist dabei aus Klischees zusammengesetzt, die dem Liebhaber Sergej Trifunovic kaum noch gestalterischen Freiraum lassen: realistische Paris-Bilder, Dragans trotzige Künstlerexistenz, die feuchtfröhlichen Südeuropäer-Feste seiner jugoslawischen Freunde. Und weil Elodie Bouchez in diesem Rahmen eigentlich selber schon zum Klischee gerinnt, eine Marianne der Liebe, - muß man das kritische Fazit ziehen, daß es sich bei "Lovers" um einen durchschnittlichen französischen Film handelt, dessen Dogma-Zertifikat formales Dekor bleibt. Klischeegemäß geht es eben im französischen Film um die Liebe, so wie es im britischen um die Putzigkeiten der sozialen Niederungen geht und im deutschen um Schreibblockaden oder in den Neunzigern zunehmend auch um Hamburg. "Lovers" - eine Empfehlung also höchstens für notorisch frankophile Schwärmer und ausdauernde Dogma-Abonnenten. Jakob Hesler
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