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The Insider Michael Mann, USA 1999 Ein Stoff, auf den Herr Grisham neidisch sein kann: Der Forschungschef eines der fünf großen Tabakkonzerne wird hinterrücks gefeuert und ist daraufhin bereit, als Kronzeuge auszusagen in einem Prozess, den der Staat Mississippi gegen die Nikotinindustrie führt. Weil der Verdacht besteht, dass die Beimengung bestimmter Substanzen die Suchtgefahr beim Rauchen erhöht. Es geht um Hunderte Milliarden Dollar Schadensersatzforderungen. Real ist der er Fall insoweit, als dass die Tabakindustrie in den USA tatsächlich die Finanzierung eines Fonds übernommen hat, um sich der Heerschar angedrohter Individualklagen zu entziehen. Auch die Figur des Kronzeugen, des "Insiders", folgt Tatsachen. Mit Grisham-Verfilmungen hat Michael Mann hingegen nichts am Hut. Die Welt, die The Insider entwirft, lässt keinen Spielraum für individuelles Heldentum. Als Entscheidungsmöglichkeit steht den Hauptfiguren nur mehr offen, sich auf die Seite des einen oder des anderen gesellschaftlichen Machtgefüges zu stellen. Deren hierarchische Ordnung können sie nicht beeinflussen, als Einzelkämpfer wären sie endgültig chancenlos. Das Thema hat der Film grandios entwickelt. Durch seine Bildern spannt sich, wie ein Netz unsichtbarer Drähte, die strukturelle Gewalt, die Wirtschaft, Politik, Justiz und Medien gegen den Einzelnen ausüben. Der Staat mit der freiheitlichsten Verfassung der Welt bleibt ein gesichtloses Vakuum. Eine Phototapete, vor der undurchschaubare Großstrategen ihre Duelle ausschießen. The Insider erzählt im Speziellen vom Kampf um Demokratisierung von "Information". Der entgegen steht die oligarchische Beherrschung der Kommunikationswege. Im altlinken Jargon: Das Wissen soll den Eigner der Produktionsmittel entrissen und Allgemeingut werden. Als Gewährsmann dieser Forderung springt dem Kronzeugen ein TV-Aufklärungsjournalist zur Seite, ein letzter Ritter seines Metiers, der auch die anstehende juristische Verteidigung und den persönlichen Schutz seines Zöglings organisiert. Natürlich nicht zweckfrei, anfänglich geht es um die knallige Story und die Quote, erst später dann um persönliche Integrität. Aber auch der gewiefte, kaltschnäuzige Medienprofi kapituliert am Ende. Der Tabakkonzern ist Mitgesellschafter seines Brötchengebers, die Enthüllung des Skandals muss er anderen überlassen. Der Film geht fast drei Stunden. Es gibt kein einziges Verfolgungsrennen. Keinen einzigen Schuss. Noch nicht einmal Intrigen. Die Figuren handeln stets so, wie sie es angekündigt haben. Eigentlich fehlt dem Film alles, was zu einer Thrillerdramaturgie gehört. Dennoch ist The Insider spannend wie lang kein Hollywoodprodukt mehr. Mann ist ein Meister des Suggestiven. Es reicht, wenn er einen anonymen Kammerjäger-Wagen vors schicke Heim des Wissenschaftlers stellt, und in unserm Hirn beginnt die CIA-Verschwörungstheorie. Ein Päckchen vor der Journalistenhaustür, und wir hören im Kopf die Paketbombe detonieren. Jeder Gegenstand könnte Bedeutung haben. Je steriler die Bilder werden, desto klaustrophobischer ihre Wirkung. Über weite Strecken reduzieren sich die Motive auf Talking Heads. Männer am Handy. Männer am Fax. Männer auf dem Monitor. Der Terror der Kommunikation wurde seit Coppolas The Conversation nicht mehr so schaurig dargestellt. Erst mal eine rauchen. Urs Richter
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