 | | Der Pornograph, (Le Pornographe), Fr. 2001. B. und R: Bertrand Bonello, K: Josée Deshaies, Schn: Fabrice Rouad, Pr: Carole Scotta, Bruno Jobin, D: Jean-Pierre Léaud, Jérémie Rénier, Dominique Blanc, Thibault de Montalembert Alamode, 14. November 2002 | | |
"Ein Mann der wichst, das baut Spannung auf" Wieder was gelernt. Wichsen ein Akt dramatischer Kunst. Jeder Mann sein eigener Dichter. Ja wunderbar. Wenn da nicht die kunstwidrigen Umstände wären. Die globalisierte Moderne mit ihrem Lärmen, der musen- und inspirationsfeindliche Zwang der Ökonomie. Er presst Mann von heute huschhusch in die Münzkabine zum Handanlegen. Was derweil zu hören und sehen ist, muss einen kurzen Zweck erfüllen. Der cumshot als Tauschwert. Auf Video. In der Nachbarkabine sitzt Herr Houellebecq und raucht kulturverdrossen Kette. Und hinter den Kulissen der Sexindustrie drückt sich Herr Léaud rum und denkt an damals: Quartier Latin, '68, Sexuelle Revolution, Porno und Politik, Kunst und Protest, Spontanität auf 35mm. Von Nostalgie kann niemand leben, also dreht der Pornograph noch einmal einen Film. Die Darstellerin solle den Samen bitte schlucken, als Zeichen ihrer Liebe. Der Liebe entspringt am Ende ein Kind, da will der Maestro eine Geburt zeigen. Dergleichen Blödsinn mehr. Doch Regisseur Bonello nimmt die verschrobene Romantik seines Helden ernst. Händel, Vivaldi, Mahler setzen ein, die Kamera träumt impressionistisch von Pappelwäldern im Wind, Jean Pierre Léauds manieriertes Getue präsentiert sich als Genius. Reichlich onanistisch ist dieser Film in der Tat geworden, und eine unbeabsichtigte Karikatur auf das französische Kino, eine Farce als Sittenbild und als Porträt. Es kommt noch schlimmer. Bonello stellt dem Scheitern des Pornographen zeitgenössische Utopien entgegen. Ein Sohn nämlich taucht auf, der hatte den Vater vor Jahren angewidert verlassen. Nun braucht er sein Plätzchen in der komplizierten Welt, da ist Besinnung auf die Wurzeln obligat. Mit der Freundin versucht er Szenen aus Papas Filmen nachzustellen, jedoch es macht keinen Spaß. Daheim in der WG verfallen die Polit-Genossen derweil auf die letztmögliche Form des Protestes - und schweigen sich hartknäckig an. Nun - das junge Paar zieht schließlich aufs Land, hüpft nackert über Weiden, zeugt, schläft und hütet Vieh. Von oben scheint die Sonne. Panflöten verkneift sich Bonello gerade noch. Spätestens hier ist dann endgültig offenbar, wie wenig die Regie Position zu beziehen vermag. Sind wir Söhne konservativer, eskapistischer als die Väter? Und damit naiver oder klüger? Oder endet das Projekt Selbstverwirklichung damals wie heute notwendig in Kommerz und Kitsch? Und was um alles in der Welt hat Bonello veranlasst, seine Unverbindlichkeiten mit einer handvoll Hardcore zu garnieren? Immerhin so viel macht "Der Pornograph " deutlich: Man darf heute wirklich jedes Thema auf die Leinwand bringen. Man darf es nur nie ernst nehmen. Urs Richter
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