 | | Die Klavierspielerin, F/A 2001; R u. B: Michael Haneke; P: Michael Katz, Yvonne Crenn; K: Christian Berger; S: Monika Willi, Nadine Muse; D: Isabelle Huppert, Benoît Magimel, Annie Girardot Concorde, Start 11.10.2001
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Schmerz, oh Schutz vor dir! Bei Literaturverfilmungen tauchen schnell Fragen und Probleme ihrer Übersetz- und Darstellbarkeit auf. Soll der Regisseur nun nah an seiner literarischen Vorlage bleiben - sie einfach nur bebildern - oder soll er den Stoff verändern und neue Deutungen aus dem ästhetischen Material herausholen? Und was kann ein Film überhaupt anschaulicher darstellen, als die im Druck geschwärzte Version? Schubert´s Musik erklingen lassen? Michael Haneke stand bei der Verfilmung von Elfriede Jelineks Roman "Die Klavierspielerin" sicherlich vor keiner einfachen Aufgabe. Was Jelinek in ihrem fein gewobenen Sprachnetz aus stilistischem Lakonismus, Zitatabbreviatur bürgerlicher Jargons und dem Wortgut des "professionellen Kunstfreundes" in subjektiver Weise entwickelt, soll nun auf der Leinwand ein neues, gleichsam filmisches Gesicht bekommen: der weibliche Masochismus der Klavierprofessorin Erika Kohut (Isabelle Huppert) und das verhaßte Kulturphilistertum ihrer österreichischen Umwelt, das der Lehrerin sowohl den Magen füllt, als auch mit der ältlichen Mama (Annie Girardot) eine schon abgehalfterte Wohnung im bürgerlichen Wien bezahlbar macht. Dort haben die beiden Damen aus ihrem Alltag eine gut funktionierende Routine gemacht: Erika Kohut gibt Klavierunterricht am Wiener Konservatorium, die Mutter wartet daheim und kontrolliert die maximal zulässige Abwesenheit der Tochter - und das schon seit Jahren. Gemeinsamer Traum ist eine schicke Neubauwohnung, weswegen Erika verflucht nochmal nicht so viele neue Klamotten kaufen soll, die eh alle nur im Schrank herumhängen. Ein Mann, mit seinen lästigen Trieben und lautem Geschnaufe im familiären Ehebett, paßt in diese Welt mutter-töchterlicher-Symbiose schon gar nicht hinein. Lieber macht man es sich vor dem TV und der häuslichen Bonbonniere so richtig gemütlich und gibt sich unverblümt leger im geblümten Morgenrock. Doch Erika, von Isabelle Huppert mit konsequent blasierter Teilnahmslosigkeit, stets hochgezogenen Augenbrauen, sommersprossiger Blässe und akkurat gestärktem Kostüm gespielt, kommt manchmal erst spät in der Nacht nach Hause. Sie war dann im Pornoladen, ein schmuddeliges Video anschauen, und die ungehobelten Kerle haben die resolute Frau im Trenchcoat ganz respektvoll angeschaut, sah sie doch aus wie eine von der örtlichen Zensurbehörde. Manchmal geht Erika auch kopulierende Paare im Autokino beobachten. Immer wenn sie sich dabei besonders aufregt, setzt der lästige Druck auf die Blase ein, und sie muß sich erleichtern. Als das Leben Erika eines Tages den fröhlichen Schwachstromstudenten Walter Klemmer (Benoît Magimel) mit seiner Vorliebe für Eishockey vor die Füße spült, der sie fortan mit unbeholfener, aber hartnäckiger Werbung umlagert, bricht ihre destruktive Sexualität in einem Widerstreit aus sexueller Attraktion und Aversion vollends hervor. Das Finale bringt ein Fiasko, das Frau und Mann buchstäblich auf eine spiegelglatte Eisfläche sexueller Laufspuren führt, die alle mechanisch wie die LP auf dem Plattenspieler in ihrer internen Logik abschnurren, und das Messer nur noch tiefer ins verletzte Fleisch bohren. Haneke findet für sein Thema klare, kühl eingefärbte, fast klinische Bilder und eine zurückhaltende Kamera. Er kontrastiert die sublime Eleganz des Konservatoriums mit der Banalität der halbseidenen Örtlichkeiten und anhäusigen Toilettenräume. Doch sein Film bleibt dabei trotz der schauspielerischen Leistung stets in einem bedauernswert naturalistischen Original-Abbild-Verhältnis gegenüber der Vorlage. Was die Jelinek einem in einer Sprachgewalt- und deformation in den Kopf gehämmert hat, bleibt bei Haneke glatte Bildoberfläche, an der das Auge zwar erschrocken abperlt, aber bei der dem Masochismus keine eigene Sprache gegeben wird. Dabei scheut Haneke es nicht, die Grenzen des Autorenkinos anzutasten: Wenn Erika mit der Rasierklinge ihre Vagina verletzt, das Blut in die Badewanne rinnt und der Schweinerei mit routiniert-weiblicher Monatshygiene beigekommen wird, dann ist hier sicher eine Grenze der Darstellbarkeit erreicht. Aber genauso wenig wie Erika an der Schlüsselstelle der Geschichte, so gelingt es auch dem Regisseur nicht, mehr als nur die Werk- und Versatzstücke des Masochismus verlockend vor uns auszubreiten. Der einzigartige Sprachrausch, er findet zu keiner eigenständigen, filmischen Grammatik. Manchmal, so scheint es, sagt eben ein Wort, gerade an der Grenze seiner sprachlichen Repräsentation, an der sich die Jelinek mit ihren Theatertexten so gerne bewegt, mehr als tausend Bilder. Was bleibt ist Schuberts Musik; das uneitle Verdämmern in der C-Dur-Phantasie, wie Adorno es beschreibt. Stefanie Maeck
A propos "Die Klavierspielerin": Auch wenn Michael Haneke die Psychoanalyse als Interpretationsansatz mit Susan Sontag "für die Rache der Intellektuellen an der Kunst hält" - was sagt denn Sigmund Freud zum oben beschriebenen Phänomen? In den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie äußert er sich. Mit Regisseur Michael Haneke hat filmtext.com übrigens anläßlich seines letzten Films "Code: unbekannt" ein Interview geführt - die Kritik zu "Code: Unbekannt" findet sich in unserem Archiv.
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