Die unbarmherzigen SchwesternDie unbarmherzigen Schwestern, (The Magdalene Sisters), Schottland/Irland 2002, 119 min. R und B: Peter Mullan, K: Nigel Willoughby, Schn: Colin Monie, M: Craig Armstrong, Pr: Frances Higson, D: Geraldine McEwan, Anne-Marie Duff, Dorothy Dufy, Eileen Walsh, Nora-Jane Noone, Daniel Costello, Mary Murray u.a.
Verleih: Concorde-Film , Start: 9. Januar 2003.

Sisters of No Mercy

Der Religionskritiker Karlheinz Deschner hat die katholische Kirche einmal als die größte kriminelle Vereinigung der Geschichte bezeichnet. Eine These, die vor einer Generation noch provozierte, deren Grundlagen inzwischen aber allgemein anerkannt werden. Selbst Teil der kritisierten Institution, hat sich sogar der Vatikan inzwischen zu einem Schuldeingeständnis für die Unheilsgeschichte von Kreuzzügen, Hexenverfolgung, Kolonisation durchringen können. Doch diese Geschichte endete nicht einfach irgendwo in den staubigen Akten der Historie zwischen Mittelalter und Aufklärung, sondern setzt sich fort bis in die allerjüngste Vergangenheit. Das zeigt am Beispiel der irischen Magdalenen-Heime der englische Regisseur und Schauspieler Peter Mullan mit seinem Film "Die unbarmherzigen Schwestern". Für die 30.000 in diesen Anstalten zerstörten Biographien hat sich bis heute niemand entschuldigt.

In solchen Heimen wurde die christliche Caritas über Jahrzehnte auf den Kopf gestellt. ‚Gefallene Mädchen' sollten durch klosterähnliches Leben ihr Seelenheil wiedererlangen. Doch in Wahrheit ging es zu wie im Gefängnis. Mit dem Unterschied, dass Sträflinge wenigstens wissen, wofür sie bestraft werden. Die ‚Magdalenen' jedoch sind nicht etwa reuige Prostituierte in der Nachfolge Maria Magdalenas, sondern Opfer der paranoiden Moralvorstellungen des durch und durch katholischen Irlands. "Die unbarmherzigen Schwestern" rollt die Vorgeschichten dreier Insassen aus dem Jahr 1964 auf: Patricia hat ein uneheliches Kind, das man ihr wegnimmt. Margaret steht als Vergewaltigungsopfer unter dem perversen Verdacht der Unsittlichkeit. Bernadette wird wegen zu großer Hübschheit als potentielle Verführerin umstandslos präventiv ins Heim gesteckt. Und die drei sind hochwillkommen: als unbezahlte Arbeitskräfte, denn die unbarmherzigen Nonnen haben die Heime zu einträglichen Wäschereibetrieben entwickelt. In solchen kirchlichen Sweatshops soll härteste Arbeit symbolisch von allen Sünden reinigen. Tatsächlich wird die schmutzige Wäsche einer Gesellschaft gewaschen, die ihre eigenen Widersprüche durch soziale Gewalt und Ausgrenzung zu verdrängen sucht.

Die bigotten Nonnen missbrauchen ihre Macht ständig auf sadistische Weise, das Schlagen macht ihnen Spaß. Aber der Film dämonisiert sie nicht einfach, sondern zeigt sie in ihrer Fühllosigkeit selbst noch als Opfer ihrer Doktrin. Und er zeigt, wie manche der Mädchen unter Druck unsolidarisch werden. Über allem liegt deprimierende Aussichtslosigkeit. Wenn man von der Familie verstoßen ist und sozial als Sünderin stigmatisiert, stellt auch ein Ausbruch keinen Ausweg dar. Gelegentliche Rebellionen entlasten zwar den Zuschauer, aber im Anstaltsalltag verpuffen sie wirkungslos. Insassin Crispina wird vom Pater sexuell missbraucht, Margaret rächt sie, indem sie seinen Ornat beim Waschen mit giftigen Kräutern einreibt. Während einer feierlichen Open air-Predigt läuft er plötzlich rot an, kratzt sich wie verrückt, reißt sich die Kleider vom Leib und stürzt in einen Bach. "Du bist kein Mann Gottes", schreit Crispina und wird anderntags in die Irrenanstalt verbracht, wo sie bald darauf an Magersucht stirbt. Bernadette und Patricia gelingt schließlich die Flucht, aber das eher zufällig. Ein Happyend ist das kaum.

"Die unbarmherzigen Schwestern" macht deutlich, welche dominante Rolle die Kirche in Irland spielt, dem Peter Mullan auf in einer Pressekonferenz attestiert hat, es sei bis vor kurzem eine Theokratie gewesen. Zum Beispiel herrscht dort die rigideste Schwangerschaftsabbruchregelung in Europa, ein faktisches Totalverbot. Doch nach den Gründen fragt Mullan nicht. Geschichtliches, Politisches, Juristisches bleibt außen vor. Das ist innerhalb des narrativen Rahmen durchaus folgerichtig. Mullan hat sich für eine fiktionale Darstellungsform entschieden, die die emotionale Aufrüttelung des Zuschauers verspricht. Auf den politisch korrekten Zweck allein will er sich nicht verlassen. Aufrüttelung wozu? - könnte man dennoch fragen. Wenn sie letztlich doch in der Sache gründen soll, wäre ein Dokumentarfilm vielleicht die bessere Lösung gewesen. Es sei denn, man sieht den Film als allgemeinen Aufruf zur Überwindung stillschweigender sozialer Gewalt und ihrer ideologischen Rechtfertigung. Dann sind unsere Aussichten allerdings düster.

Jakob Hesler


A propos Katholizismus und Kriminalität:

Bei den letzten Filmfestspielen in Venedig wurde "Die unbarmherzigen Schwestern" mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet - und brachte die katholische Kirche ziemlich in Rage. Ihre publizistische Speerspitze "L'osservatore romano" bezeichnete das Werk als "anticatolico" (leider ist der Artikel im Netz nicht zugänglich, eine Zusammenfassung italienischer Stimmen bringt die Festivalseite). Auf der Seite der deutschen Katholischen Filmkommission sieht man das allerdings differenzierter (dort findet sich auch ein Statement des Präsidenten der katholischen Medienorganisation SIGNIS). Ein Schelm, wer dabei denkt, solche öfters zu konstatierende Realitätsnähe katholischer Medienarbeiter könnte etwas mit der bevorstehenden Streichung der kirchlichen Mittel für den "Film-Dienst" zu tun haben, mit dem eines der wenigen deutschen Filmperiodika verschwinden wird.



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