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 | | Forget Baghdad, CH 2002. B., R. und Pr: Samir, K: Nurith Aviv, Philippe Bellaiche, Schn: Nina Schneider, Samir, T: Tully Chen, Daniel Olivier, David Powers, M: Rabih Abou-Khalil, Pr: Karin Koch, Gerd Haag, mit Shimon Ballas, Sami Michael, Moshe Houri, Samir Naqash und Ella Habiba Shohat Koolfilm, 13.3. 2003 | | |
Remember Baghdad Israelis sind Juden, Araber sind Moslems und seit Menschengedenken geben beide sich gegenseitig heftig aufs Maul. So unser Bild des Nahen Ostens in groben Zügen. Irritiert lauscht man daher vier älteren, sympathischen Herren, die sich in "Forget Baghdad" vorstellen als arabische Juden aus dem Irak, allesamt ehemalige Mitglieder der internationalistischen irakischen KP und daher Antizionisten, doch seit Jahrzehnten in Israel ansässig. Die Vorstellung verläuft in so selbstverständlichem Tonfall, als müssten diese komplizierten Lebenslinien allgemein bekannt sein. Von eigener Unwissenheit beschämt, verkriecht man sich im Kinosessel und lässt sich eine Lektion erteilen in unbekannter Historie. Und lässt sich diese Lektion gerne erteilen, weil Samir, so heißt der Filmemacher, als seinerseits Lernender voranblättert in den unterschlagenen Kapiteln seiner Herkunft - denn auch sein Vater war kommunistischer Iraker, wenn auch muslimisch, und ist Anfang der 60er mit der Familie in die Schweiz emigriert. Aus Kindertagen also kennt Samir Erzählungen über ein modernes, wohlhabendes Bagdad, in dem unter britischer Kolonialherrschaft orientalische Moslems, Christen und Juden auf arabisch, französisch oder englisch Marx und Baudelaire diskutieren. So lange, bis die Krakenarme des Nationalsozialismus auch hierher reichen. In einem Militärputsch gegen den König - Symbol britischer Hegemonie - findet der von Nazideutschland unterstützte arabische Nationalismus 1941 im Irak seinen ersten Höhepunkt. Schleichend begleitet von antisemitischen Stereotypen. Die Kommunistische Partei des Irak bietet jenen Unterschlupf, die gegen Hitler, gegen das heimische Regime, aber eben auch gegen religiösen und völkischen Chauvinismus sind. Immer schon für ihre politischen Überzeugungen verfolgt, verschiebt sich nach der Gründung Israels 1948 dann die Bedrohungssituation für die jüdischen Kommunisten. Diskriminierungen durch die irakische Regierung setzen alle Juden derart unter Druck, dass der von der arabischen Welt mit Misstrauen und Hass begleitete Hybridstaat nun für die meisten der einzige Fluchtpunkt bleibt. Bis 1951 gehen 120.000 von ehemals 140.000 irakischer Juden nach Israel, als nützliche Landarbeiter in den Kibbuzen empfangen, aber auch mit einer Pulverspritze voll DDT. Die sollte aus verlausten Kameltreibern rechtschaffene Bürger machen. Noch heute sitzt den vier porträtierten Intellektuellen diese Beleidigung in den Knochen und hält sie davon ab, sich als Israelis zu definieren. Samir gelingt es, einerseits die individuellen Verwerfungen innerhalb der Biographien der Herren Shimon Ballas, Sami Michael, Moshe Houri und Samir Naqash zu markieren, andererseits aber auch, das Exemplarische dieser Verwerfungen geltend zu machen - als Ursache jener Probleme nämlich, die Israel noch heute auf die Zerreißprobe stellen. Denn immer gilt die Frage vor allem der eigenen Identität, wenn in "Forget Baghdad" um Sprache, Kultur, Religion, Nation und Volk verhandelt wird. Deutlich wird, dass die Vision eines Israel als Heimat aller Juden von Anbeginn ein Albtraum war für jene, die nicht die kulturelle Prägung des europäischen Judentums und das Trauma des Holocaust mitbrachten. Ihre Lebensweise wurde verspottet, ihre Stimme buchstäblich nicht zugelassen, Arabisch höchstens noch in den eigenen vier Wänden geflüstert. Beschwerden über die Benachteiligung der orientalischen Neubürger wurden von Zionisten mundtot gemacht durch Hinweis auf das viel schlimmere, eigene Leiden. In aller Schärfe trägt Ella Habiba Shohat diese Analyse vor, sie lehrt Film- und Kulturwissenschaft an der Universität NY und hat als Kind irakischer Immigranten in Israel noch genau die Scham in Erinnerung, wenn ihr die Mutter Pide und eingelegte Eier statt Nutellatoast mit zur Schule gab. Anhand von Spielfilmausschnitten, unter anderem aus Werken von Ephraim Kishon, belegt Ella Shohat, wie klischeeanfällig Gesellschaften sind: Das populäre Bild des orientalischen Juden früher israelischer Produktionen ähnelt auf gruslige Weise dem der Nazipropaganda "Jud Süß", Paul Newman hingegen sieht als junger Israeli in "Exodus" arischer als arisch aus. Ella hat sich als junges Mädchen diese Filme mit Vergnügen angeschaut - ein Versuch, der Diskriminierung durch das Stereotyp per Angleichung zu entgehen. "Forget Baghdad" möchte die Schablonen von Geburt, Glaube und Gesinnung nicht erst durch das Erzählte, sondern bereits in der Art des Erzählens sprengen. Samir unterlegt, überblendet, grundiert seine talking heads mit Politschlagworten und Religionstexten auf Englisch und Arabisch, mit alten Photos, illustren Assoziationen und einer Klappe, die ab und zu die Szene schlägt. Diese Spielereien sind oft nichts weiter als videotechnischer Klimbim, der eher vom Thema ablenkt, als es zu kommentieren. Die Zeitzeugen haben von sich aus schon genug Wissenswertes zu berichten. Urs Richter
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