Roberto Benigni`s PinocchioRoberto Benigni`s Pinocchio, I/D/F 2002 R: Roberto Benigni, B: Roberto Benigni, Vincenzo Cerami (nach Carlo Collodi), K: Dante Spinotti, Schn: Simona Paggi, Pr: Elda Ferri, Gianlugi Braschi, Nicoletta Braschi, M: Nicola Piovani, A: Danilo Donati, D: Roberto Benigni, Nicoletta Braschi, Carlo Giuffrè, Mino Bellei, Kim Rossi Stuart, Alessandro Bergonzoni
Falcom Media/Central, Bundesstart: 13.03.2003

Benignis Höhlenausgang

Oftmals sind die besten Schüler ja die, die die Lehren der Meister umstoßen statt befolgen. Eine solche Beziehung scheint auch zwischen Roberto Benigni und Frederico Fellini über dessen Tod hinaus zu bestehen. Nach der gemeinsamen Arbeit an "Stimme des Mondes", wo Benigni eine Figur mit dem Spitznamen ‚Pinocchio' spielte, hatten Italiens berühmtester Filmemacher und Italiens berühmtester Filmkomiker beschlossen, selbst einmal eine Adaption des originalen "Pinocchio" zu wagen. Bevor das Schnitzen am Nationalmythos über grobe Umrisse hinausgekommen war, starb Fellini.

Nun hat Roberto Benigni das liegen gebliebene Projekt in Personalunion verwirklicht. Das Ergebnis lässt als glückliche Fügung erscheinen, dass Fellini nicht mehr seine Hand im Spiel hatte. Denn Benigni gelingt ein unzweideutig bezaubernder Film, wie er nach dem verstörenden Humor von "Das Leben ist schön" nicht zu erwarten gewesen war. Aber eben auch nicht vom späten, tief in Resignation versunkenen Fellini, der etwa in "Ginger und Fred" nur noch im Tod einen Ausweg aus den Illusionen von Theater, Kino oder Fernsehen sah. Unter seiner Regie wäre dieses Schicksal sicher auch dem Lügenbold Pinocchio beschieden gewesen. Der platonische Optimismus von Benigni hingegen lässt es so weit nicht kommen. Bei Fellini fristet die Wahrheit das Dasein eines gefallenen Mädchens, während Benigni sie zur Fee erhebt, deren Schönheit und Güte irgendwann sogar Holzpuppen erliegen. Und eben auch Regisseure wie Benigni, der der Kinomagie zwar den Garaus macht, aber auf äußerst magische Weise.

Es war einmal ein armer Tischlermeister, der schnitzte einen kleinen Jungen, den er Pinocchio nannte, nach dem Pinienholz, das er dafür verwandt hatte. Pinocchio war frech, launisch, ungezogen, wollte nur spielen und sich vergnügen. Er wollte auch ein richtiger Junge werden, aber dafür nichts tun: weder arbeiten noch zur Schule gehen. Das brachte ihn in mancherlei Schwierigkeiten, aus denen ihn eine gute Fee immer wieder befreien musste.

So wird ein Märchen erzählt. Ein Film muss das Märchen zeigen, was immer bedeutet, dass er zunächst einmal sich selbst zeigt: Damit ihr Kutscher den Weg besser findet, verwandelt die Fee, gespielt von Benignis Ehefrau, die nächtliche Dunkelheit in strahlenden, satt kolorierten Tag. Ganz ohne Zaubersprüche, nur mittels einer lakonischen Geste. Denn vor allem Wunderbaren ist das Medium selbst die Botschaft. Die Fee wird zur Verkörperung von Farbfilmrausch schlechthin, der wie auf Knopfdruck angeht.

Benigni versucht, die Figur des Pinocchio ins Medienzeitalter zu überführen. Die Unbelehrbarkeit des Hampelmanns drückt Misstrauen aus gegenüber allem, bei dem Medium und Botschaft auseinanderfallen. Aus dem Munde einer sprechenden Grille hat die Behauptung wenig Überzeugungskraft, nur mit Lernen oder harter Arbeit sei etwas zu erreichen, verweist das Wesen doch auf eine phantastische Gegenwelt, in der alles möglich ist. Die Fee mit dem lila Haar kann die Liebe zur Wahrheit erwecken, ohne dass ihre Präsenz doch einen Platz hätte in einer Umgebung, die unter Wahrheit Realismus versteht. Unter ihrer Anleitung ein Versprechen nicht nur zu geben, sondern auch zu halten, führt darum immer wieder zur berühmt-berüchtigten, Lügen indizierenden Nasenverlängerung.

Um dennoch zur Wahrheit zu kommen, muss Benigni das Medium Film an sich verabschieden. Die Trauerarbeit verrichtet Pinocchio, indem er entdeckt, dass den vorgegaukelten Zeichen nichts entspricht. Seine in einer reinen Kunstwelt geweckten Erwartungen werden aufs bitterste enttäuscht. Das ist der Höhlenausgang, den Begnini nicht nur Pinocchio weist. Vielleicht vorhersehbar, aber dafür entschlossen, errettet er Pinocchio durch Tugend. Als endlich braver Junge ist der nicht länger Erscheinung inmitten von Erscheinungen. Er und sein Tischlervater stehen in neuen Kleidern in einer hübschen Wohnung. Die Holzpuppe liegt mit verrenkten Gliedern in der Ecke. Beim Eintritt in die Schule weicht auch Pinocchios spitzbübischer Schatten. Ein Schmetterling lockt ihn in die offene Landschaft, wo er sich - erwartungsgemäß- verflüchtigt. Ein jeder Film muss da enden.

Andreas Günther



startseite drucken newsletter bestellen