Rave MacbethRave Macbeth, (Rave Macbeth), D 2001. R: Klaus Knösel; B: Harry Ki, W. Shakespeare; K: Arturo Smith; M: Tom Batoy, Franco Tortora, Tom Novy, Tomcraft, Phil Fuldner; S: Birgit Klingl; D: Micheal Rosenbaum, Nicki Lynn Aycox, Kirk Baltz, Jamie Elman, Marguerite Moreau, Anna Thalbach, Annette von Klier, Jeanette Hain.
Nighthawks, 8. November 2001

Blut aus der Sprinkleranlage

Das Filmplakat schmückt ein selbsterfundenes Zitat: "The day is lost only when blood rains from heaven". Dessen Intention - ob als prank gedacht, oder Ergebnis simpler Ignoranz - spielt allerdings letztlich keine Rolle: Der Effekt ist der eines 1A-Werbeslogans: man kann den Petrygirls (den Hexen) das vermeintliche Zitat durchaus abnehmen. Deren Beschwörungsformel in Shakespeares Originaltext "Fair is foul and foul is fair" ist da deutlich komplexer - unbrauchbar.

Die zwei Punkte, die auch von der Produktion vehement hervorgehoben werden, sind augenscheinlich die zwei Faktoren, die den Film zusammenhalten. Das ist zum einen der technische Aspekt: Der "erste komplett digital gedrehte Kinofilm" heißt es im Presseheft und der Kamera wird dort im Cast direkt nach Regisseur und Kameramann ein eigener Platz zugewiesen. Subtiles Product Placement ist das nicht. Der andere Aspekt ist die deutliche Zielgrupeneingrenzung: Die Thematik betrifft die Jugend von heute und spricht diese in ihrer eigenen Sprache an. (ebd.). Ästhetisch interessant sind sie dann tatsächlich, die Aufnahmen in der Technohalle - mehr oder minder nur mit available light gedreht, wirken sie fast wie Aufnahmen aus einer dieser Zigarettenschachtel großen Mini-DVs. Was dem Film trotzdem etwas sci-fi-mäßig Überdrehtes, Abseitiges verleiht, sind die Szenen, die vielleicht zu krampfhaft versuchen, dem Original Tribut zu zollen, aus Angst vielleicht ihm nicht anders gerecht zu werden. Oder einfach aus dramaturgischer Geilheit.

Die Auftritte der Hexen (hier: die Petrygirls) und der dämonische Anfang, wenn eine Art moderner Satan (als Entsprechung zu den Erscheinungen, nur gibt es hier nur diese eine Erscheinung) vor Überwachungsmonitoren sitzt und über eine imaginäre Freisprechanlage mit den Hexen kommuniziert wie ein Chef - das alles irritiert und kollidiert mit der Home-DV-Ästhetik. Und auch das fast schon surreal anmutende Ende, wenn sich mitten in Marcus (Macbeths) und Lidias (Lady M) LSD-Paranoia der Spruch der Petrygirls bewahrheitet und es tatsächlich Blut regnet, wenn auch aus der Sprinkleranlage, trägt das deutlich zum Trasheffekt bei. Der Kontrast zwischen Shakespeare- und Thrillerdramaturgie, der erst durch diese Szenen deutlich wird, läßt den ganzen Film irreal, grotesk wirken. Ob das der ausgesprochenen Intention der Filmemacher, eine "zeitgemäße" Geschichte zu erzählen, entgegenkommt? Und fängt übrigens nicht auch "Blade" so an, mit einer Vampirparty, auf der die Sprinkleranlage Blut spuckt?

"'Macbeth' ist spannend und absolut zeitgemäß in einer Zeit, in der man über Mobbing, Macht, Geilheit, Gier, Liebe und Gewalt redet." (Stefan Jonas, Produzent) Diese Melange ist Ihnen auf eigenwillige Art gelungen und allemal interessanter als die vielzähligen Shakespeare-Adaptionen von Kenneth Brannagh. Schade ist bei diesem höchst unterhaltsamen B-Movie (das garantiert bald in den einschlägigen Filmkunsttheatern unter der Rubrik 'weird movies' läuft), daß die PR sich derart überzogen gestaltet, daß selbst das vermeintliche so klare Zielpublikum deklassiert und anderes potentielles Publikum von vorne herein ausgegrenzt wird. "Die Raveolution steht kurz bevor" wird ein Zitat aus dem Hollywood Reporter zum Slogan erhoben. Eine Rave-O-Lution gab es bestenfalls im letzten Jahrhundert. Aber einen sehenswerten "Technofilm", den gibt es erst jetzt.

Achim Wiegand


A propos "Macbeth":

Zum nachlesen empfiehlt sich die Originalversion in der Shakespeare-Komplettausgabe im Netz von The Tech, oder die ins Deutsche von Christoph Martin Wieland übersetzte Fassung beim guten alten Projekt Gutenberg.



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