 | | Sein und Haben (Être et avoir), F 2002, 104 min. R, Schn, M: Nicolas Philibert, K: Katell Dijan, Laurent Didier, P: Gilles Sandoz Verleih: Ventura Film; Start: 16. Januar 2003. | | |
Die wiedergefundene Zeit Die Kindheit war eine ganze Welt. Zu den vergessenen Hypotheken des Erwachsenseins gehört, dass man sie völlig vergessen hat. Sie liegt nicht wie ein abgeschlossenes Kapitel hinter einem, sondern lebt in Wahrheit weiter als dumpfer Erfahrungskern. Ihre Freuden und Leiden bilden das emotionale Raster für alles Heutige. Es gibt keine intimere und überraschendere Erfahrung mit sich selbst als die plötzliche Erinnerung an diese stillschweigende Kontinuität. Nicolas Philiberts Dokumentarfilm macht diese Erinnerung in seinen besten Momenten möglich. Er erkundet eine der wichtigsten Regionen in der Topographie der Kindheit, die Schule. Philibert hat mit seinem Team ein Schuljahr lang eine Dorfschulklasse in der französischen Auvergne beobachtet, in der ein einziger Lehrer 13 Zöglinge vom Vorschulalter bis zur 5. Klasse gleichzeitig unterrichtet. Der Film beginnt wie ein Schultag mit einer morgendlichen Busfahrt. Ein Kleinbus sammelt Kinder aus Bauernfamilien ein. In einem verschneiten Dorf steigen welche zu, die Tür wird von einer Mutter mit enormem Krach ins Schloss geworfen. Ruckartig weiter geht die Fahrt, mit herben Bildern der matschigen Landstraße. Man spürt die Atmosphäre aus feuchter Wärme, die sich sofort um die Kinder legt und um den Betrachter selbst. Die Kinder rangeln, lutschen Daumen, starren ins Leere oder heulen. "Sein und Haben" zeigt, was es für sie heißt, zur Schule zu gehen. In sehr diskreter Weise, auf ihrer Augenhöhe. Zentriert in der Person des hingebungsvollen und doch strengen Lehrers Georges Lopez, der die Kleinen an der Schulpforte in Empfang nimmt. Während die Älteren Bruchrechnen üben, lässt sich Lopez die Hausaufgaben der ABC-Schützen zeigen. Sie sollten das Wort "Mama" abschreiben, haben es aber eher abgemalt. Herausgekommen sind skurrile Buchstabenvariationen, die von der Gruppe bewertet werden. Dabei kann man den ganzen Bogen sozialer Interaktion beobachten: Streberverhalten, Solidarität, Geltungsbedürfnis. Lopez' Job erfordert ständig die Einstellung auf neue Situationen. Er meistert das als unermüdlicher Pädagoge des Individuellen, als Integrator, als Lehrer der Neugier. Zwischendurch hört er sich die Albträume des kleinen Jojo an. Später fragt er ihn, ob man denn nicht auch weiter als Hundert zählen könne. Nein, antwortet Jojo. Und was ist mit Hunderteins, Hundertzwei...? Lopez setzt das Spiel hartnäckig bis in Millionenhöhe fort, dann verliert Jojo das Interesse. Der erhoffte Aha-Effekt verpufft, denn Jojo verfolgt gebannt die Rauferei zweier Mitschüler, die Lopez anschließend weise schlichtet. Zu den elementaren Prozessen der Erziehung gehört auch die Gewalt. Als Jojo ein Bild nicht fertig gemalt hat, verdonnert Lopez ihn zum Nachsitzen in der Pause. Er appelliert daran, sie hätten doch abgemacht, dass Jojo seine Arbeit erledigt. Eine Rhetorik scheintoleranter Repression, die den anderen als eine Art Vertragspartner ernst zu nehmen vorgibt, dabei aber die Vertragsbedingungen einseitig diktiert. Das wirkt angesichts eines 5jährigen deplaziert und zugleich unausweichlich angesichts der Aufgabe, aufs Erwachsenendasein vorzubereiten. Den Brüchen, die solch Vorgehen in Biographien verursachen kann, räumt "Sein und Haben" allerdings deutlich weniger Platz ein als Lopez' Heilungsversuchen. Dazu passt, dass am Ende des Schuljahres alle Fünftklässler das Klassenziel erreichen, auch die Problemfälle, auch die sozial Benachteiligten. "Sein und Haben" ist ein Dokumentarfilm mit erzählerischem Gestus. Trotz seiner Distanzlosigkeit vertuscht Regisseur Philibert den eigenen Beobachterstatus nicht, indem er etwa gelegentliche Kinder-Blicke in die Kamera wegschneiden würde. Dennoch dominiert sein Hang zum Harmonischen auch formal. Philibert gliedert den Film, dessen Titel wohl von Erich Fromm entliehen ist, mit zwischengeschnittenen idyllischen Ansichten der ländlichen Auvergne, die von Erik Satie-artiger Wohlfühlmusik unterlegt sind. So werden die an sich doch schon sprechenden Aufnahmen mit dem Schmelz eines Tierfilms überzuckert, in dem die Härten des Lebens vom größeren Zusammenhang der Schöpfung überwölbt und verharmlost werden; so entfaltet der Kindcheneffekt seine volle Wirkung; so verschiebt sich die Perspektive in Sein und Haben von der tastenden Einfühlung zur verniedlichenden Betrachtung von außen, vom Kind-Sein zum Kinder-Haben. Ein regelrechter Propagandafilm fürs Kinderkriegen. Jakob Hesler
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