 | | Die innere Sicherheit, D 2000, Regie: Christian Petzold, Buch: Christian Petzold, Harun Farocki, Kamera: Hans Fromm, Produktion: Florian Koerner von Gustorf, Michael Weber, Schnitt: Bettina Böhler, Verleih: Pegasos, Darsteller: Julia Hummer, Barbara Auer, Richy Müller, Bilge Bingül, Günther Maria Halmer | | |
Kein Ché-Guevara-T-Shirt Als Ende der Neunziger Jahre "Innere Sicherheit" das Schlagwort im deutschen Wahlkampf war, wurde in meinem Bekanntenkreis gerne gewitzelt, daß man ja auch eher unsicher sei, ein bißchen mehr innere Sicherheit würde einem gut tun. Die einschlägigen Parteien hat dann trotzdem niemand gewählt. In Christian Petzolds Film sind drei Menschen auf der Suche nach ihrer "inneren Sicherheit" in einem Staat, der seine durch ihre Existenz noch immer bedroht sieht. Clara und Hans, beide Anfang vierzig und ehemalige Terroristen, und ihre 15jährige Tochter Jeanne verstecken sich als Touristen an den Stränden Portugals, im Begriff, nach Brasilien zu fliehen. Clara unterrichtet Jeanne, die im Untergrund groß geworden ist und nie eine Schule von innen gesehen hat. Zusammen mit Hans paßt sie außerdem auf, daß ihre Tochter keine Freundschaften schließt, das wäre zu riskant. Als sie Trickbetrügern zum Opfer fallen, scheitern ihre Fluchtpläne und sie müssen nach Deutschland zurück, mit alten Gefährten Kontakt aufnehmen, Geld besorgen. Aber die Freunde von früher haben die Seiten gewechselt oder sich in den Alkohol geflüchtet. Auch Jeanne verändert sich zunehmend. Sie drängt nach draußen und darauf, aus der Familienzelle auszubrechen. Die befindet sich in einem unerträglichen Stillstand. Jeder Fortschritt wäre nur der in Richtung einer Normalität, vor der es Jugendlichen in Jeannes Alter in der Regel graust. Geld, Bleibe und eine durch Dokumente verbürgte Identität, die Grundsäulen der bürgerlichen Existenz, sind die dringendsten Bedürfnisse von Hans und Clara. Und nichts könnte gerade wichtiger sein für Jeanne als CDs, Klamotten und Rumknutschen. Aber weil kein Geld da ist, kann sie keine CDs kaufen und muß "beschissene Klamotten" anziehen. Begründet wird dies elterlicherseits damit, daß man nicht auffallen will. Töchterlicherseits wird gekontert "Angepaßtheit macht auch verdächtig". Gleichaltrigen wiederum hält Jeanne entgegen, sie mache sich eben nichts aus dieser ganzen "Outfitscheiße". Und klaut schließlich bei H&M eine Garnitur Styling. Fortan wird Julia Hummer als Jeanne im violetten Diego-Maradona-T-Shirt durch den Film laufen und das sieht nicht nur besser aus als ein Achtziger-Jahre-Trainingsanzug aus dem Altkleidercontainer - es macht vor allem deutlich, daß ein koksender Fußballmillionär durchaus an die ideologische Stelle eines zigarrerauchenden Freiheitskämpfers zu treten vermag. The times they are a-changing. Die Terroristeneltern, gespielt von Barbara Auer und Richy Müller, reden mit ihrer Tochter nicht über Politik, auch nicht über die Vergangenheit, man ist einfach Familie. Es sind liebende Eltern, wie jeder sie kennt. Sie wollen ihre Tochter beschützen und benehmen sich deshalb wie erbärmliche Spießer - wenn auch unter verschärften Vorzeichen. "Ich geh mal den Wagen verstecken", lautet eine der Alltagsformeln. Aber was es bedeutet, mit einer terroristischen Vergangenheit zu leben, taucht immer wieder wie ein riesiger dunkler Schatten auf, etwa wenn Hans aus der Unterhaltung mit einem ehemaligen Weggefährten, der ihnen seine Hilfe verweigert, eine Platzwunde davonträgt. Oder wenn die Familie von Ferne Zeuge eines schwerbewaffneten Hubschraubereinsatzes wird, bei dem ihre letzte Hoffnung, der Verleger Klaus, festgenommen wird. In solchen Bildern wird klar, daß die Vergangenheit für Hans und Clara immer Gegenwart bleiben wird. Und die Vergangenheit ist ein Teil der Gegenwart, nicht nur für die unmittelbar Beteiligten. Petzold macht sich dies zum Thema, und eine der wichtigsten Fragen, die er im Film stellt, ist die nach der Bedeutung dieser Vergangenheit für die folgende Generation. Woraus soll Jeanne sich ihre weltanschauliche Identität zusammenbasteln? Sie nimmt die Bauteile, die sie vorfindet, jedenfalls dankbar an. Und sehr viel anders haben Hans und Clara das seinerzeit vielleicht auch nicht gemacht. Diese zeitliche und inhaltliche Aktualität jedenfalls macht "Die innere Sicherheit" so beeindruckend und entlarvt noch einmal Schlöndorffs "Die Stille nach dem Schuß" als Kostümfilm, der mit seinem Thema längst abgeschlossen hat. Hans erzählt seiner Tochter einmal von den Verhörmethoden der Polizei und daß die einzige Chance in beharrlichem Schweigen bestehe. "Sie brauchen einen Dialog, sonst implodieren sie." Und während Jeanne einsam Wache schiebt und ihren Eltern beim Sex zuhört, begreift sie langsam, daß sie sich von ihnen verabschieden muß, wenn sie selbst leben will. Noch nie war im Kino eine 15jährige so einsam.
Dirk Schneider
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