Dogville: ein ContraDogville: ein Contra, Dk 2003. R. und B: Lars von Trier, K: Anthony Dod Mantle, Schn: Molly Marlene Stensgård, Szenenbild: Peter Grant, Sounddesign: Per Streit, Licht: Asa Frankenberg Pr: Vibeke Windeløv, D: Nicole Kidman, Paul Bettany, Lauren Bacall, Jean-Marc Barr, Ben Gazzara, James Caan, Chloë Sevigny, Stellan Skarsgård, u.a.
Concorde, 23. Oktober 2003

Frontalunterricht
Ein Freund dieser Seite, Ulrich Köhler, ist gar nicht einverstanden mit unserer Dogville-Kritik

Bis kurz vor seinem Ende ist der Film ein einfaches Lehrstück: die Geschichte einer schönen Asylsuchenden, deren unendlich Güte und Nachsicht moralisch durchschnittliche Menschen, die Bewohner von Dogville, in brutale Ausbeuter, Folterer und Vergewaltiger verwandelt.

Und weil Lars von Trier ein intelligenter Lehrmeister ist, bietet er im Frontalunterricht gleich mehrere Ebenen der Rezeption an. Politisch kritisiert er die Doppelmoral der amerikanischen Gesellschaft und die immer inhumaner werdende europäischen Asylpolitik. Anthropologisch vertritt er die These, dass aller zivilisatorische Fortschritt bloßer Schein ist. Hat der Mensch unkontrollierte Macht über einen Mitmenschen, müssen keine Sanktionen gefürchtet werden, brechen seine animalischsten Instinkte hervor. Ethisch-moralisch stellt er landläufige Definitionen des Guten in Frage. Nicole Kidmans Grace hält ihren Peinigern so oft die linke Backe hin, bis aus ihrer Selbstlosigkeit sadistische Folter wird. Absolute Güte verkehrt sich in ihr Gegenteil.

Ähnliches hat Lars von Trier schon mit seinen Märtyrerinnen aus "Breaking the Waves" und "Dancer in the Dark" erzählt. Um dem Feuilleton Futter zu geben, musste er sich etwas Neues ausdenken: Das Ende verkehrt die Situation völlig überraschend in ihr Gegenteil und die oben angedeuteten Interpretationsmöglichkeiten werden eine Stufe weiter getrieben: Die Märtyrerin wird zur faschistoiden Rächerin und ihr Martyrium entpuppt sich als die extravagante Freizeitbeschäftigung der Tochter eines Gangsterbosses. Auch die vermeintlich Guten sind abgrundtief schlecht und der Zuschauer sowieso. Lehrmeister Lars treibt unsere Verachtung für die Bewohner von Dogville soweit, dass wir uns am Ende über Grace Schlachtorgie freuen, - um dann über uns selbst zu erschrecken. Diese Pointe demonstriert die ganze Macht seines erzählerischen Genius. Und genau darum geht es: die Demonstration von Macht. Die Macht des Erzählers über sein Publikum. Um nichts anderes und das auf jeder Ebene.

Das lässt sich leicht belegen. Formal entwertet Trier die Brechtsche Bühnenkonzeption zum "antiillusionistischen" Look, ähnlich wie das Dogma 95 die schauspielorientierte Kameraarbeit von Regisseuren wie Cassavetes zum reinen Effekt, zum "Doku-Style", überzeichnet. Für Lars von Trier stellt der V-Effekt einfach nur eine neue Herausforderung dar: Schaffe ich es, den Zuschauer trotz totalem Verzicht auf reale Räume emotional in den Bann zu ziehen? Das Bühnenbild gibt vor, die Distanz des Zuschauers erhöhen, seine analytischen Fähigkeiten stärken zu wollen. Kamera, Schnitt, Musik und vor allem die Erzählerstimme arbeiten dagegen: Die Kamera lässt wenig Raum für eigene Erkenntnisse, der Schnitt beschleunigt, die Musik emotionalisiert und der Erzähler psychologisiert.

Bei der Schauspielerauswahl paart sich von Triers Machtbewusstsein mit pubertären Humor. Eine hübsche Ansammlung amerikanischer Ikonen darf in Skandinavien antanzen. Der Meister hat Flugangst. Die Größten (Bacall, Gazzara) müssen sich mit ein paar Sätzen zufrieden geben, und die werden oft noch zugunsten der Erzählerstimme ausgeblendet. Dank offener Bühne dürfen sie dennoch viele Wochen in Lars Reich verbringen, ihren imaginären Laden fegen und zugucken, wie eine andere Ikone "dezent" (V-Effekt) vergewaltigt wird. Und das Ganze, um in einem Film mitzuwirken, der spätestens mit seinem abgeschmackten Abspann in populistischstem Antiamerikanismus gipfelt. Die geistige Elite im "alte Europa" kann eben genauso billig polemisieren wie die Machthaber in der neuen Welt.

Die Schauspielführung, das dramaturgische Gespür, die ständige Reformulierung seiner Filmsprache beweisen, dass Lars von Trier einer der größten und intelligentesten Virtuosen ist, den das Kino im Moment hat. Doch diese Virtuosität bleibt hohl, weil sie nichts anderes will, als sich selbst auszustellen. Der wohlwollende Interpret könnte ihm vielleicht noch ein medienpädagogisches Anliegen unterstellen: Er will uns über unsere Manipulierbarkeit belehren. Mich langweilt das. Solange Lars von Trier sich selbst keine interessante Fragen stellt oder zum "Idioten" macht (sein bester Film), solange bleiben seine Filme bloße "Arthouse“ Events eines genialen Selbstvermarkters.

Ulrich Köhler


A propos „medienpädagogisches Anliegen“: Auch Daniel Kothenschulte beschreibt in der Frankfurter Rundschau sein Unbehagen an von Triers Vorgehen:

„Lars von Trier hat nicht nur das Dogma, er hat auch den Quälrealismus erfunden. Wer am Ende Mitleid fühlte für die Björk-Figur in „Dancer in the Dark“, der war in die Brechtsche Falle getappt, hatte sich verführbar gezeigt für wohlfeile Anteilnahme und war einem fragwürdigen Affekt- und Effektkino anheim gefallen. Der diabolische Moralismus des Katholiken Lars von Trier folgt dabei der Methode des Ablassgeschäfts: Wer sich vom Unterhaltungsteufel verführen lässt - selbst wenn es keine angenehme Art von Unterhaltung ist -, der bezahlt am Ende seine Schuld in Scham und gelobt Besserung. Nun, kann man sich mit Blick auf die vorgebrachte Kapitalismuskritik fragen, wo liegt der Unterschied? Grace muss für ihr Asylrecht zahlen und der Zuschauer eben für sein Vergnügen.“


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