AdaptionAdaption (Adaptation), USA 2002, 115 Min. R: Spike Jonze, Drehbuch: Charlie Kaufman, Roman: Susan Orlean, P: E. Saxon, V. Landay, J. Demme, K: Lance Acord, S: Eric Zumbrunnen, M: Carter Burwell, D: Nicolas Cage, Meryl Streep, Chris Cooper, Tilda Swinton, Cara Seymour, Maggie Gyllenhaal, Brian Cox.
Columbia TriStar, 13.03.2003

Anders als die Anderen

Der Drehbuchautor Charlie Kaufman (Nicolas Cage) hat ein massives Problem: Er soll zum ersten mal einen Roman adaptieren, und er findet keinen Weg, dem Original gerecht zu werden. Als ihm schließlich die rettende Idee kommt, lacht er sich ob der Einfachheit der Lösung ins Fäustchen. Soll man sich so vorstellen. Er macht sich selbst und sein Problem zum Thema: Adaption als Reflexion.

Der Roman beschreibt das Wunder der Mimikry paradebeispielhaft am chamäleonartigen Fortpflanzungsverhalten der Orchidee. Jede Orchidee passt ihr Äußeres auf perfekteste Weise einem bestimmten Insekt an, um genau von der so nachgeahmten Spezies bestäubt zu werden (ergo, es gibt unzählige Varianten von Orchideen). Eingebettet ist das Thema in eine Doku-Fiktion über den Orchideen-Dieb und -Experten John Laroche (Chris Cooper). Im Verlaufe der Recherche der Autorin und Ich-Erzählerin Susan Orlean (Meryl Streep), wie sie im Film geschildert wird, verliebt sich diese in das Objekt ihrer Untersuchung. Das Buch heißt ja auch "The Orchid-Thief".

Die Wahrnehmung des Betrachters wird durch diverse Wechsel zwischen den Zeitebenen manipuliert. Das Auseinanderdividieren zwischen 'ursprünglicher Story' und 'verfilmtem Drehbuch' wird so zur Hauptaufgabe und die vermeintliche Meta-Aussage des Films kann bestenfalls rückwirkend festgestellt werden: Es gibt keine 'echte Story'. Das Drehbuch entsteht, indem der Film zu Ende geht, welcher auf der Handlungsebene ausschließlich von der Suche, der Verzweiflung und der Erlösung seiner Autoren erzählt.

Im endlichen Ende des Films wird sein programmatisches Thema: Adaption als Überlebenstechnik (Symbol: Orchidee), denunziert. Nach aller Kommunikationsunfähigkeit, allem asozialen Verhalten und depressiven Erleiden der adaptiv funktionierenden Welt, ist Charlie Kaufman die einzige Figur seines Scripts, die sich konsequent jeglicher Anpassung widersetzt und allen - extremen, Lebensumstände verändernden - Ereignissen trotzend unversehrt bleibt. Wenn auch ständig suizidgefährdet. Noch nie sah Nicolas Cage so schlecht aus.

Cage ist als Charlie's Zwillingsbruder Donald gleichzeitig Charlie's Doppelgänger, der die lebensbejahende, charmante, erfolgreiche, kurz: die positive Seite des Drehbuchautors verkörpert. Der die Dinge vermeintlich unreflektierter angeht, und der es seinerseits sehr gut bewerkstelligt, sich an Lebensumstände anzupassen. Im Gegensatz zu Charlie wirkt Donald Kaufman wie der römische Feldherr Numero Uno: Veni Vidi Vici. Sein Lebensmotto: Ich definiere mich nicht durch das, was mich liebt, sondern durch das, was ich liebe.

Donald versucht Charlie zu überzeugen, dass der Scriptworkshop von Sir Robert McKee, Autor von "Story" (gespielt von Brian Cox), Charlie's Rettung wäre. Denn nachdem er selbst ein Seminar besucht hat, schreibt Donald ein Drehbuch, bespricht es mehrmals mit Charlie - der ihm jedes mal dessen brüchige Logik vorrechnet: ein Serienkiller mit multipler Persönlichkeit, der sich selbst verfolgt? - um es schließlich erfolgreich für teuer Geld zu verkaufen. Adaption, ick hör dir trapsen.

Sollte man aber nicht das Thema eines jeden Films in einem Satz wiedergeben können? Oder war das auch wieder dieser Teufel, Robert McKee, der so etwas behauptet? Den sucht Charlie schließlich in seinem Dilemma auf. In einem von McKee's Crashkursen sieht man ihn sitzen wie ein Häufchen Elend. Erstaunlicherweise nimmt er am Ende des letzten Seminartages sein Herz in die Hand und nagelt McKee fest mit seinem persönlichen Problem. Und erhält den goldenen Tipp: ein gutes Ende hat noch einen jeden Film gerettet. Ob "Adaption" deshalb mit einer farbenprächtigen Zeitrafferaufnahme sprießender Orchideen endet?

Er ist jedenfalls einer jener Filme, die man nur fanatisch lieben kann, oder gar nicht. Inhaltlich ist er konservativ, formal ein Anti-Film. Er versucht, mit Hollywood's Regeln der Erzählkunst zu brechen, letztlich nur um zu beweisen, dass diese Regeln so manchen Bruch weg-adaptieren können. Das ist vielleicht nicht neu, aber der Verdienst besteht gerade darin, diese Message mal wieder ins Gedächtnis gerufen zu haben: Vieles ist möglich.

Achim Wiegand


Apropos "Adaption":

Die Offizielle Amerikanische Website.
http://www.sonypictures.com/movies/adaptation/

Buchtip Nummer 1: Die deutsche Übersetzung von Robert McKee's "Story".
http://www.alexander-verlag.com/Neuer/autoren1/mckee.htm

Buchtip Nummer 2: Der modernere Klassiker für den jungen Schriftsteller liegt leider noch immer nicht auf Deutsch vor. "The Writer's Journey" von Christopher Vogler ist daher nur als Import erhältlich.
http://www.amazon.com/

Kein Buchtipp, aber Recherche-Möglichkeit für Interessierte: "The Orchid Thief" von Susan Orlean.
http://www.susanorlean.com/

Auf den Seiten des College of Agriculture & Life Science findet sich ein sehr plastisches Beispiel für die Mechanismen der Symbiose.
http://www.cals.ncsu.edu/course/ent591k/nectar_guide.html

Wolf-Ekkehard Lönnig eröffnet seine Arbeit über die Frage nach "gesicherten" Beweisen naturwissenschaftlicher Theoreme anhand des Orchideenpaares Coryanthes/Catasetum mit einer sehr schönen Zitatsammlung zum Thema. Das letzte davon ist ein Klassiker: "Everything should be made as simple as possible, but not simpler." (Albert Einstein)
http://www.mpiz-koeln.mpg.de/~loennig/CorCat.html

 


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