 | | Gegen die Wand D 2004. R. und B: Fatih Akin, K: Rainer Klausmann, Schn: Andrew Bird, T: Kai Lüde, M: Klaus Maeck, Pr: Ralph Schwingel, Stefan Schubert, D: Birol Ünel, Sibel Kekilli, Catrin Striebeck, Güven Kirac, Meltem Cumbul, Cem Akin timebandits films, 11. März 2004 | | |
Wilde Herzen Die Vermarktungsstrategie um Fatih Akin zieht einen optischen Knick in der Wahrnehmung seiner Filme ins Kalkül. "Echtes, türkisches, kraftvolles Kino aus Hamburg-Altona" lautet das Label, das eigens für ihn erfunden wurde und dessen Vorbilder in größenwahnsinniger Bescheidenheit bloß lose angetippt werden: der italoamerikanische Scorsese, der Neorealismus, das cinéma beur. Seit dem Adelsschlag der Berlinale auch: Rock'n Roll. "Klein und schmutzig" sei "Gegen die Wand", gibt Akin dem Affen, der Presse, Zucker und die adjutiert, dankbar für jedes Stichwort. Nein, bei Akin ist nichts klein, geschweige denn schmutzig. Es geht im Gegenteil immer größer und reinlicher zu und so ist auch dies ein geschickt lanciertes Gerücht, mit "Gegen die Wand" habe der Regisseur nach dem faden "Solino" zu seiner "rauen Ursprünglichkeit" zurückgefunden. Es müsste denn die Ursprünglichkeit einer Operettenwelt sein. Die Story von der Scheinehe hin zur amour fou zwischen lebenshungriger Gör und lebensmüdem Alkoholiker ist konstruiert genug, als Libretto zu taugen. Die Regie selbst deutet das an und stellt, als Ouvertüre und stimmungsvolle Akteinteilung, eine Zigeunerband an den Bosporus. Jedoch der Akkord, den deren Balladen anstimmen, verhallt ungenutzt, zu absichtsvoller Kunstform kann "Gegen die Wand" sich mitnichten durchringen. Das aber hätte dem Film mehr als gut getan. Er bemüht all sein optisches, akustisches und darstellerisches Hauruck, um es umso ernster zu meinen mit einer höheren Wahrheit: Zwei feurige Herzen brennen sich gegenseitig stets zu Asche. Überlebensgroßer Stoff also, der danach verlangt, stilistisch aufgefangen zu werden. Dem etwa ein Augenzwinkern angestanden hätte oder frivole Poppigkeit oder melodramatische Wonne am Scheitern. Dem ein aufmerksames Erzählkonzept erst zur nötigen Fassung verholfen hätte. Hier stattdessen stumpfes Pathos. (Wenn schon Vorbilder: Lynch hat mit "Wild at Heart" eine ähnliche Story bereits 1990 ungleich origineller aufgezogen.) Akin bedient einmal mehr nur eine Art touristischer Neugier: auf Lokal-Kolorit, Randexistenzen, Drogenexzesse und schlimme Worte. Deren Inszenierung ist nicht den Dingen selbst entnommen, sondern folgt längst Gesehenem. Man hat den Eindruck, einen Stadtteilrealismus aus zweiter Hand zu bekommen. Nicht genau genug, dass er vergnügliches Wiedererkennen bereitete, nicht pointiert genug, dass Ironie durchblitzte. Da reden Türken einen Türkslang, wie eine ZDF-Redaktion ihn ausdenken würde. St. Paulis Clubs sehen aus, wie Postkarten sie ausmalen. Und wenn das Heldenpaar für kurze Momente zur Ruhe kommen darf, strahlen die Szenen Harmonie im Dr. Oetker Format aus. Der Ballade, die die unmögliche Liebe von Sibel und Cahit besingen wollte, wird darüber die Luft dünn. Verbraucht vom Brüllen und Stöhnen der Figuren, verbraucht vom perpetuum Soundtrack, der die Szenen vor sich hertreibt. Verdrängt von Bildern, die emblematisch Gefühle nurmehr stellvertreten, nicht aufbauen. Man muss, wo immer jemand "Ficken" sagt, oder rotes, rotes Blut spritzt, oder ein weißes Brautkleid angeschmutzt ist, oder ein Vater das Photo seiner Tochter verbrennt, oder wild ausdrucksgetanzt wird, bereits größte anzunehmende Emotion verorten. Was aber das Liebespaar auf ewig aneinander bindet und voneinander scheidet, bleibt sein eher abgepresstes, als romantisches Geheimnis. Nachdem Cahit an Sibels Teilzeitlover zum eifersüchtigen Totschläger geworden und verhaftet ist, reißt dem Film im letzten Drittel noch der dramaturgische Faden. Als Reprise von Cahits Vorgeschichte hetzt Sibel nun ihren eigenen Passionsweg hinunter in Istanbuls dunkle Gassen. Die Freiheit, so bitter erkämpft, sie erträgt sie nicht. Hier begänne eigentlich ein zweiter Film, wären davor nicht die Männer. Die einen, die Sibel malträtieren, die anderen, die Sex mit ihr haben, und endlich der letzte, - immerhin ist es nicht Cahit - der das wilde Mädchen schließlich runterdomestiziert zur Mama und Hausfrau. Von allen denkbaren Auflösungen ist dies die biederste. Er habe "Gegen die Wand" wie einen Pickel rausgedrückt, sagt Akin. Wie wird das, wenn er erwachsen ist? Urs Richter
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