 | | 21 Gramm (21 grams) USA 2003. R. und B: Alejandro González Iñárritu, Mitautor: Guillermo Arriaga, K: Rodrigo Prieto, Schn: Stephen Mirrione, M: Gustavo Santaolalla, Pr: Robert Salerno, Alejandro González Iñárritu, D: Sean Penn, Naomi Watts, Benicio Del Toro, Charlotte Gainsbourg, Melissa Leo, u.a. Constantin, 26. Februar 2004 | | |
Wenn jemand ein Ding hinter einem Busche versteckt Warum soll Libeskind projektierter Freedom Tower, N.Y.C., 1776 Fuß hoch werden? Weil 1776 die zukünftigten Vereinigten Staaten ihre Unabhängigkeit erklärten. Warum heißt "21 Gramm" "21 Gramm"? Weil jeder Mensch angeblich im Augenblick seines Todes genau diese Menge Gewicht verliert (so ein Mann auf dem Totenbett (Sean Penn) im Film). Der Vergleich zwischen Hochhaus und Kino hinkt ein wenig, aber die eindimensionale Zahlenspielerei ist Libeskind und Iñárritu gemeinsam. Hat man sie einmal erklärt und aufgelöst, entpuppt sie sich schlagartig als flacher Kitsch. Als wäre es schon Poesie, wenn man eine Variable mit unbekanntem Wert, eine Spielkarte von hinten gezeigt bekommt. Oder, mit Nietzsche: "Wenn Jemand ein Ding hinter einem Busche versteckt, es eben dort wieder sucht und auch findet, so ist an diesem Suchen und Finden nicht viel zu rühmen." In Iñárritus Fall ist das Verfahren des Titels jedenfalls symptomatisch für das ganze Werk. "21 Gramm" ist eine einzige Breitseite an effekthascherischer Geheimniskrämerei. Wie in Amores Perros verändert ein Verkehrsunfall die Leben dreier Parteien. Allerdings sind deren Schicksale in "21 Gramm" viel enger verbunden, durch eine Herztransplantation, die dem Unfall folgt. Was sich in den Familien des toten Spenders, des wiedererweckten Empfängers und des Unfallfahrers ändert, hat Iñárritu chronologisch zerhackstückt und nonlinear wieder zusammengesetzt: ein bekehrter Ex-Knacki verliert den Glauben an Gott, eine Beziehung geht zu Ende, eine neue bahnt sich an. Spannung entsteht also durch gezielte Verwirrung, beispielsweise dadurch, dass man frühzeitig in einer unmotivierten Einstellung zwei Figuren zusammen - und bewaffnet! - in einem Auto durch die Gegend fahren sieht, die eigentlich völlig unterschiedlichen Plotsträngen angehören. Die Auflösung kommt natürlich ganz zum Schluss. Die simple Tatsache, dass der Zuschauer den simplen Plot nicht durchschaut, noch nicht durchschauen kann, soll den Eindruck vitaler, philosophischer Tiefe erwecken. Man fühlt sich von diesem anaphorischen Kino aber nur gefoppt, denn die Komposition der Fragmente löst alle Geheimnisse immer wieder auf, folgt dann eben doch keiner fragmentarischen, sondern der altbekannten, mechanischen Drehbuch-Logik, bei der jedes induzierte Aha-Erlebnis mit Zuschauer-Gratifikation gleichgesetzt wird. Wenn man mit dem amerikanischen Filmtheoretiker David Bordwell Filmegucken als kognitives "problem-solving", d. h. als sukzessive Komputation des Plots betrachtet, müsste man "21 Gramm" strukturell als Meisterwerk bezeichnen. Aber auch eine solche Perspektive könnte wohl nicht übersehen, dass die ganze absichtliche Verwirrung nur die Unglaubwürdigkeit der ständigen Charakter-Wandlungen überdecken soll. Z.B. die Frau des Opfers: Erst ist sie, edel, an - juristischer - Rache nicht interessiert. Dann hat sie plötzlich nichts anderes mehr im Kopf. Das eigentliche Thema seines Films hat Iñárritu völlig verschenkt: die ethischen Implikationen moderner Medizin. Wenn das heutzutage auch schon durch alle Ethikkomissionen breitgetreten worden ist, eine interessante, humane Studie à la Moretti hätte man sich darüber gerne angesehen. Jakob Hesler A propos Zeitschleife: Angemessenen Einsatz findet diese Technik in Elephant.
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