 | | Die Mitte D 2004. R., B. und Schn: Stanislaw Mucha, K: Susanne Schüle, T: Michel Klöfkorn, M: Moritz Denis, Eike Hosenfeld Pr: Dieter Reifarth Ventura Film, 27. Mai 2004 | | |
Der Union Kern Sein voriger Film führte einen Maler im Titel ("Absolut Warhola"), aber Pinseln ist seine Sache nicht. Stanislaw Mucha hat sich auf die Suche begeben nach Europas Mitte. Ein Dutzend Orte bereiste der Filmemacher, und das ist noch gar nichts: Mehr als dreimal so viele Dörfer beanspruchen den geografischen Mittelpunkt des Kontinents für sich. Sie liegen in Hessen oder bei Essen, sie heißen Braunau oder Krahule (Slowakei), Piatek (Polen) und Rachiv (Ukraine). Sogar in Litauen findet sich bei Vilnius ein "Europos Centro". Pünktlich zur jüngsten Osterweiterung der EU lernen wir: Die Mitte ist da, wo der Hund liegt. So gibt es jedenfalls einer der vor Ort befragten Experten zu Protokoll. Nach einer kurzen Phase des Aufwärmens rast das dreiköpfige Filmteam erst mal an die Ränder Europas. Boxenstopps dieser Tour d'Europe: lustige Denkmäler. Wie die drei denn auch sonst mit untrüglichem Gespür für das jeweils witzigste Bild die Gretchenfrage des Films vom Rand her aufrollen. Denn gefunden haben sie in der Mitte Europas viel Armut, geistige wie materielle. Im Zentrum stehen immer die Menschen und die humoristischen Verrenkungen, mit denen sie der auferlegten "desorganisacije" ihrer Alltagskoordinaten begegnen. Dem wohlfeilen Bedürfnis, die angetroffene Armseligkeit mit berückenden Landschaftstotalen zu übertünchen, wie etwa Volker Koepp in "Kurische Nehrung", gibt Susanne Schüles Kamera dabei nicht eine Sekunde nach. Nicht mal die Dörfer selbst sind von Belang. Um zum Kern vorzustoßen,reicht oft ein Blick auf löchrige Straßen. Oder auf ein Plakat, das seinen Slogan "In die Europäische Union! Aber nicht mit nackten Ärschen..." treffsicher zu illustrieren weiß. Die Anwohner treibt vor allem die Frage um, welcher der Pos einer Frau zuzuordnen ist. Reicht das Vorgefundene nicht aus für den Eindruck einer temporeichen Suche, bessert der Schnitt nach. Da wird auch schon mal die Dorfdisko aufgepeppt mit einem durch Schwarzbilder künstlich erzeugten Stroboskop. Und doch lässt nach etwa zwei Dritteln der Tour die Geschwindigkeit nach. Nun ruht sich das Filmteam mit der vollen 35mm-Kamera-Ausrüstung in einem vier Quadratmeter großen Kiosk in der Ukraine aus und nimmt die Kunden in Augenschein. Aber vielleicht ist es falsch zu verlangen, dass ein derart dezentrierender Film durchgängig seine dramaturgische Spur hält. Und würde sich eines schönen Tages die Güte der Farrellys mit Coenscher Klasse für einen Dokumentarfilm verbrüdern, käme sicher auch nichts Verrückteres als "Die Mitte" dabei heraus. Christiane Müller-Lobeck
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