Vergiss mein nichtVergiss mein nicht (Eternal Sunshine of the Spotless Mind), USA 2004, 108 min. R:Michel Gondry, B: Charlie Kaufman, P:Steve Golin,Anthony Bregman, K: Ellen Kuras, Schn: Valdís Óskarsdóttir, M: Jon Brion, D: Jim Carrey, Kate Winslet, Kirsten Dunst, Mark Ruffalo, Elijah Wood, Tom Wilkinson, Jane Adams u. a.
Verleih: COnstantin, Bundesstart: 20.5.2004

Vergessen, aber richtig

„Vergiss mein nicht“ ist der neue Film von Regisseur Michel Gondry. Oder ist es der neue Film von Drehbuchautor Charlie Kaufman, der seit „Being John Malkovich“ zum einzigen echten Star seiner Zunft avanciert ist? Der Fall erinnert daran, dass die Frage nach dem Autor naiv sein kann. Und dass sie oft wenig aussagekräftig ist: „Human Nature“ (2001, Bundesstart 10.6. 2004), Gondrys Spielfilm-Debüt nach Kaufman-Script, ist eine sterbenslangweilige Primaten-Klamauknummer - wegen oder trotz des Drehbuchs oder der Regie. „Vergiss mein nicht“ dagegen ist eine gefällig ausbuchstabierte Variante Kaufmanscher Bewusstseinsakrobatik - wegen oder trotz des Drehbuchs oder der Regie.

Die intellektuelle Schlüsselszene von „Vergiss mein nicht“ lässt sich leicht ausmachen. In ihr wird der vielleicht nicht unverständliche, aber doch reichlich pompöse Originaltitel des Films aufgeklärt: „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ – das ist ein Vers von Alexander Pope. Sekretärin Mary (Kirsten Dunst) zitiert ihn, um bei ihrem angehimmelten Boss Dr. Mierzwiak Punkte zu machen, während sie ihm bei der Arbeit zusieht. Die besteht darin, einem Klienten auf dessen Wunsch hin alle Erinnerungen an seine Verflossene aus dem Hirn zu löschen. Dem nunmehr unbefleckten, von Vergangenheit, Leiden und Sünde unbeschwerten Geist winkt ewiger psychischer Sonnenschein, so Mary mit Pope. Beim Lob des Vergessens ist auch Nietzsche nicht weit, den sie ebenfalls zitiert. Sein Spruch aus „Jenseits von Gut und Böse“ macht den Punkt noch klarer: „Selig sind die Vergesslichen: denn sie werden auch mit ihren Dummheiten ‚fertig’.“

„Vergiss mein nicht“ spielt am Beispiel eines Liebespaars eine positivistische Lesart dieses Gedankens durch, wie sie ganz offensichtlich hinter Dr. Mierzwiaks Ansatz steckt. Joel und Clementine waren einmal glücklich (Jim Carrey als reiner Tor, Kate Winslet als quirlige Nonkonformistin). Doch nach dem Bruch lässt sich Clementine Joel von Dr. Mierzwiak aus dem Gedächtnis streichen. Joel erfährt das, verzweifelt und nimmt ebenfalls die Dienste des Doktors in Anspruch. Im Verlauf der Ausradierungs-Prozedur überlegt er es sich anders und beginnt im halbbewussten Zustand, um seine Erinnerungen zu kämpfen. Joel (oder sein innerer Avatar) rast durch seine eigene Gedächtniswelt, während die ihm unter den Füßen ausgelöscht wird, um die erinnerte Clementine zu retten. Häuser verschwinden, Menschen verlieren ihre Gesichter: Ein Fest für Gondry, der sich in Joels Unterbewusstsein austobt wie seinerzeit Spike Jonze in dem von John Malkovich.

Interessanterweise hat Kaufman dabei das Freudsche topische Modell hinter sich gelassen, dem gemäß die Psyche von Malkovich als Haus aus Über-Ich, Ich und dem fiesen Keller des Es aufgebaut war. Bei Dr. Mierzwiak geht es dagegen handfest kognitions-neurophyisologisch zu, multidimensionale Synapsenverknüpfungen werden am PC-Monitor gemappt und gelöscht. Dem entspricht Joels Strategie: Er will sich Clementine bewahren, indem er sie mit abgelegensten Kindheitserinnerungen verbindet und dort versteckt, sie etwa mit einer Babysitterin verschmilzt, deren langen Beine er einmal als kleiner Stöpsel unter dem Küchentisch versteckt angelechzt hat.

Den unbarmherzigen Gedächtnisklempnern gelingt zwar dennoch irgendwann die Auslöschung. Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende, denn die wirkliche Clementine ist ja immer noch da. Als beide sich im echten Leben wieder begegnen und der Manipulation auf die Spur kommen, beschließen sie, ihre merkwürdige Vergangenheit ausgelöschter Vergangenheit hinter sich zu lassen. - Fazit: Erinnerungen mechanisch aus dem Gedächtnis zu löschen, bringt gar nichts. Aber genauso wenig das zwanghafte Festhalten an den Bildern des Gewesenen führt nicht weiter. Erst das aktive Vergessen, bei dem frei nach Nietzsche die Vergangenheit umgewertet, umgedeutet, umgeschrieben wird, befreite die Vitalität des Menschen. Eine treffende, wenn auch nicht gerade neue Auslegung des Zitats aus „Jenseits von Gut und Böse“.

In „Vergiß mein nicht“ führt die Befolgung dieser Lebensregel zum Einrasten der Plotlogik, zum Liebesglück. Auch wenn sich der Film noch so subversiv gebärdet: Das Subversive ist Vehikel der romantischen Komödie und nicht umgekehrt. Dass man sich im Reich der gelenkten Gefühle befindet, macht schon der Soundtrack von Jon Brion („Magnolia“) klar, der über weite Strecken Stimmungsmuzak legt, von drolligem Fagottgehopse bis zur Streichermassage. Die sehr elegante Ausnahme, der ewig (30 Minuten) aufgeschobene Vorspann, der plötzlich mit einem Song einsetzt, dient Gondry zur Verschleierung eines zunächst unmerklichen, aber gravierenden chronologischen Bruchs in der Erzählung, der für die Zuschauerwahrnehmung entscheidend ist, aber aufgeklärt bleibt.

Insofern ist man also in die Falle getappt, wenn man das Popcorn-Kino mit vollgepumptem philosophischem Schwellkörper verlässt und gleich alle Zitate nachschlägt und weiterspinnt. Es ist, als würden im Philosophieseminar gewisse Star Trek-Episoden zur Veranschaulichung von Heideggers Theorie der Zeit benutzt. Aber über diese Philosophenhuberei macht sich Kaufman, den man einen postmodernen Woody Allen nennen könnte, wäre Woody Allen nicht selber schon postmodern, in der oben erwähnten Schlüsselszene auf charmante Weise selber lustig. Die tollen Pope- und Nietzsche-Zitate hat Mary, wie sie ihrem Chef erzählt, in einem Zitatenbuch gefunden. Vermutlich in demselben, in dem sich auch die Drehbuchschreiber bedienen. Da kann man den feigen deutschen Verleihtitel eigentlich schon gar nicht mehr übel nehmen.

Jakob Hesler


A propos:

Die Encyclopaedia Britannica bemerkt zu Alexander Pope (1688-1744): „He is one of the most quotable of all English authors.” Wer ihn in Zukunft selber zitieren möchte, kann sich seine digitalisierten Werke bei Gutenberg herunterladen. Der besagte Vers findet sich in Band 1 seiner Gedichte. Bei Gutenberg natürlich auch nach wie vor Nietzsche, deutsch und englisch, rauf und runter.


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