Fahrenheit 9/11Fahrenheit 9/11, USA 2004, 122 min. R+B+P: Michael Moore, K: Mike Desjarlais, M: Jeff Gibbs, Schn: Kurt Engfehr, T. Woody Richman.
Verleih: Central, Bundesstart: 27.7.2004

Schuld ist nur der Bossa Nova

Eines ist erfreulich an Michael Moores Anti-Bush-Film: Es ist so wenig Michael Moore darin. Nur ein paar Mal ist er in der Szene zu sehen, in jener prekären ersten Person Singular des Dokumentarfilms, die er so gern für seine eitlen Moralsketche und die Übertölpelung meist unterlegener Gegenüber benutzt. Über weite Strecken beschränkt sich der investigative Humorist im neuen Film darauf, sein Material aus dem Off zu kommentieren. Er prangert einen repräsentativen Ausschnitt der krassen Fehlleistungen der, wie man seit ein paar Jahren auch hierzulande sagt, Bush-Administration an: die fragwürdigen Umstände des Wahlsiegs, die verdächtig guten Geschäftsbeziehungen der Familien Bush und Bin Laden, die persönliche Unfähigkeit des Präsidenten und natürlich den Angriffskrieg gegen den Irak, den – neben den Irakern natürlich – die Kinder der US-Unterschicht ausbaden müssen. Keine neuen Punkte, aber nach wie vor überzeugende. Moore illustriert sie mit teils beeindruckenden Bildern, etwa von einer bauernfängerischen Rekrutierungsaktion zweier betresster Marines auf dem Parkplatz einer Shopping Mall in einer armen Gegend seiner Heimatstadt Flint.

Nur leider hat Moore das eitle Ich gegen das rhetorische Wir getauscht. Er spricht jetzt vollends im Namen des amerikanischen Volkes. Als dessen natürlichen Vertreter verstand er sich qua Herkunft aus der Arbeiterklasse zwar schon immer („Dude, where is my country?“). Hatte er das Wir in „Bowling for Columbine“ allerdings noch selbstkritisch gebraucht, um die Angstneurose der US-Amerikaner zu durchleuchten, so dient es jetzt als identifikatorischer Fluchtpunkt. Und das ist aus zwei Gründen verwerflich – ja, verwerflich; dieses Kriterium muss sich ein moralisch argumentierender Film selbstverständlich gefallen lassen. Erstens: Wenn sich Moore, der Aufklärer der finsteren Machenschaften von Washington und Corporate USA, im Wir mit dem Volk gemein macht, so liegt darin ein perfides Entlastungsangebot. Die Fox News haben uns erzählt, Bush habe die Wahl gewonnen, also haben wir es geglaubt. Die Halunken aus der Regierung haben uns gesagt, Saddam stecke mit den Bösewichtern unter einer Decke, also haben wir unsere arbeitslosen Kinder in den Irak geschickt. Kein Wunder, dass verwirrte Kids im Krieg auch mal zu Folterern werden. Ein braves Volk wurde genasführt. Schuld sind allein die Bushs? Gesetzt, „das Volk“ wäre wirklich so deppert: Deppert sein schützt vor Strafe nicht.

Zweitens: Bei allem Wir bleibt Moore natürlich der Aufklärer des Volks. Und weil er ihm offensichtlich so wenig zutraut, belässt er es nicht bei den guten Argumenten gegen Bush, sondern bombardiert das Publikum mit einer Batterie manipulativer Techniken – was die Doppelbödigkeit seines Wirs entlarvt. Ja, es ist lustig, wie sich Wolfowitz, vermeintlich unbeobachtet, vor einem Fernsehauftritt mit Spucke den Scheitel zieht. Ein Argument ist es nicht. Ja, die Bushs haben schon einer verblüffenden Menge Saudis die Hände geschüttelt. Wie Moore Bilder davon in rapider Folge aneinanderreiht, das läuft jedoch auf ein Spiel mit dem Feuer anti-arabischer Klischees hinaus. Der Gipfel ist eine Tränendrüsen-Story am Schluss des Films. Lila, eine Mutter und Patriotin aus Flint, ist stolz darauf, dass ihre Kinder beim Militär sind. In der nächsten Sequenz hat Lila ihren Sohn im Irak verloren. Weinend verliest sie seinen letzten Brief, in dem er zur Abwahl Bushs auffordert. Natürlich wird in die Tränen erbarmungslos reingezoomt. Aber vielleicht kann Moore ja mit solchem Brachialkitsch den einen oder anderen Bush-Wähler überzeugen? Wäre es das wert? Ist es womöglich sogar notwendig, den rechten US-Radau-Polemikern mit ihren eigenen Methoden Paroli zu bieten? Die Frage, ob der gute Zweck unsaubere Mittel heiligt, hat schon im Gemeinschaftskundeunterricht die Fundis von den Realos geschieden. Es ist die schwierige, vielleicht auch falsch gestellte Frage, ob Macht wichtiger ist oder Moral. Michael Moores zweistündiger Wahlkampfspot macht die Antwort wieder einfach.

Jakob Hesler


A propos "Fahrenheit 9/11":

"Fahrenheit 9/11 is The Passion of the Christ of the left", schreibt das Time Magazine in einem lesenswerten Überblick über die Geschichte des Films und die US-Debatte nach seinem phänomenalen Kassenerfolg. Und: "We may come to look back on its [Fahrenheit's] hugely successful first week the way we now think of the televised presidential debate between John Kennedy and Richard Nixon, as a moment when we grasped for the first time the potential of a mass medium--in this case, movies--to affect American politics in new ways." Zu lesen auf Mike's Homepage. Der Artikel erwähnt in einem Nebensatz: "The Army and Air Force Exchange Service, which books films to be shown on military bases around the world, has contacted Fahrenheit's distributor to book the film." Immerhin sind die USA also doch eine Demokratie.
Ärgerlich ist, dass die Reaktionen auf den Film immer nur politisch ausfallen, als dürfe ihn als Bush-Gegner nicht schlecht finden. Der Vollständigkeit halber hier ein Link auf eine wütende, aber nicht sehr überzeugende Kritik von rechts, betitelt "Unfairenheit 9/11". Im Observer ein schöner Bericht über einen Interviewtermin mit Moore in Cannes, bei dem sich der Palmenträger (erwartungsgemäß?) als einigermaßen unsympathischer Zeitgenosse herausgestellt hat. Warum er in Cannes gewonnen hat, wird dabei allerdings auch nicht klarer. Der Guardian hat Lila Lipscomb besucht, die weinende Mutter; es stellt sich heraus, dass nicht Moore, sondern Newsweek sie "entdeckt" hat, und dass das im Film implizierte emotionale Vorher - Nachher (stolze Patriotin - reuige Bush-Gegnerin) nur durch den Schnitt suggeriert ist. Natürlich hat Lipscomb diese Wandlung tatsächlich durchgemacht, nur tut Moore so, als habe er diese Wandlung eingefangen.


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