NathalieNathalie F 2004. R: Anne Fontaine, B: Anne Fontaine, Jacques Fieschi, K : Jean-Marc Fabre, M : Michael Nyman, D : Fanny Ardant (Catherine), Emanuelle Béart (Marlene/Nathalie), Gérard Depardieu (Bernard)
Concorde, 5. August 2004

Am Material liegt es nicht

"Kommt eine Frau ins Bordell..." Eine Nacherzählung dieses Films könnte beginnen wie ein schlechter Witz. Sogar wie ein noch schlechterer Witz: "Kommt eine Gynäkologin ins Bordell..." Aber darüber ist der Film von Anne Fontaine dann doch erhaben.

Catherine (Fanny Ardant), erfolgreiche Frauenärztin, Mitte fünfzig, erfährt, dass sie von ihrem Mann betrogen wurde. Es habe nichts bedeutet, sagt Bernard (Gerard Depardieu), so etwas sei doch normal, und es war auch nicht das erste Mal. Catherine ist völlig vor den Kopf gestoßen und beginnt, den Sex nun überall zu ahnen. Jene Leidenschaft, von der sie inzwischen angenommen hatte, sie sei doch nicht so wichtig.

In der Straße, in der Catherine ihre Praxis hat, gibt es ein Bordell. Täglich kommt sie daran vorbei, nie hat sie es wirklich wahr genommen. Es gehörte nicht zu ihrer Welt. Das ändert sich jetzt. Wie um zu sehen, wie es sich wirklich verhält zwischen den Männern und Frauen, schaut sie sich eines Abends dort um. Sie möchte sich selbst aufklären, sie möchte die Freuden ihres Mannes verstehen, daran teilhaben. Und ein bisschen möchte sie sich vielleicht auch selbst bestrafen für ihre Naivität, denn so fühlt man sich doch, wenn man betrogen wurde: wahnsinnig naiv. Also beauftragt sie die Prostituierte Marlene (Emanuelle Béart), sich als Studentin auszugeben, Bernard zu verführen und ihr Bericht zu erstatten. Sie gibt ihr den Decknamen Nathalie.

Daraufhin wird ausbuchstabiert, wie Catherine sich zunächst wieder über ihren Mann erhaben fühlt, sich dann aber immer mehr von ihm entfernt, ist er doch ein so dreister Lügner. Natürlich ist dann am Ende alles ganz anders, als Catherine es sich ausgemalt hat.

Dieses mäßig überraschende Ende vermittelt eine auf den ersten Blick zweifelhafte moralische beziehungsweise emanzipatorische Botschaft. Der Film appelliert an die Liebe und gegen das Misstrauen, die kühle Berechnung, die alle Gefühle zerstört. Darum ist seine Hauptdarstellerin wohl auch Gynäkologin, eine Wissenschaftlerin mit analytischem Blick auf den weiblichen Körper und seine Krankheiten. Sie will sich den Körper einer jüngeren Frau aneignen, indem sie ihn kauft und ihn von ihrem Mann berichten lässt. Sie ist diejenige, die den Körper zum Material macht. Ihr eigener Körper erscheint ihr plötzlich wie gealtertes Material, und dieser Materialismus erstickt den Idealismus der Liebe.

Genau betrachtet ist es natürlich der Mann, der den Materialismus in die Liebesbeziehung eingeführt hat, indem er seine Frau mit jüngeren Frauen betrügt. Oder, so ist wohl seine Sichtweise, jüngere Körper dem gealterten Körper seiner Frau vorzieht. Und mit dieser Haltung arrangiert sich auch Catherine am Ende, wenn sie ihrem Mann glaubt, dass er sie liebt, obwohl er sie betrügt. Wie gesagt, zunächst eine zweifelhafte Haltung. Dass Männer nun mal so und Frauen anders sind, wird allerdings nicht behauptet. Zwar scheint Catherine nicht besonders scharf auf den One-Night-Stand zu sein, den sie als Reaktion auf Bernards Eskapaden mit einem jungen Mann hat. Aber schließlich probiert sie etwas Neues aus, an dem sie ja noch Gefallen finden kann.

Sicher nervt es, dass Fanny Ardant mit einem milden Dauerlächeln flüsternd durch den Film wandelt. Natürlich fragt man sich, warum ausgerechnet Emanuelle Béart die Marlene zur Hochglanzhure machen muss. Und dann noch als Bauernopfer des arrivierten Ehepaars endet. Auf den ersten Blick ist es ein biederer und konventioneller Film. Aber es geht um eine biedere Ehe, die versucht, sich aus ihrer Biederkeit zu befreien. Und die Geschichte ist gut durchdacht. Die emanzipatorische Botschaft von "Nathalie" verlangt keine Rache oder die Zerstörung der Konvention Ehe. Sie besteht darin, dass sie die langjährige Beziehung zwischen Mann und Frau als äußerst verbreitetes Phänomen ernst nimmt und retten will - unter Einbeziehung des Seitensprungs. Das klingt verdammt nach Oswald Kolle, aber es kommt eben nicht so ideologisch daher. Das Argument, dass die Frauen dabei in der Regel schlecht wegkommen, zieht hier nicht, schließlich hat Catherine den größten Schritt der Emanzipation getan: Sie ist beruflich selbständig und materiell unabhängig von ihrem Mann. Alles weitere kann nur ein Arrangement sein, auf das sich Mann und Frau gleichberechtigt verständigen müssen. Eigentlich schade, dass Catherine im Film keine Freundin zur Seite gestellt wurde, vor der sie ihre Entscheidung vertreten müsste.

Dirk Schneider


startseite drucken newsletter bestellen