 | | B-52, D 2000. R u. B: Hartmut Bitomsky, K: Volker Langhoff, Schnitt: Theo Bromin Verleih: Basis-Film, Bundesstart: 5. September 2002. | | | Der Bauch des Riesenleibs öffnet sich lautlos. Ein Schwarm silberner Fische scheint zu schlüpfen, sie glitzern im Sonnenlicht, schweben, treiben langsam auseinander. Die Kamera blendet die Schwerkraft aus und macht fast vergessen, dass es sich bei den zierlichen Silberlingen um 108 Stück 225kg-Bomben handelt, die einen "Teppich" der Zerstörung von zwei Quadratkilometern legen, und bei dem Leib um einen B-52-Bomber. Bilder aus einem Armee-Werbefilm, faszinierend und abstoßend. Solche Bildzeugnisse montiert Hartmut Bitomsky in seiner Dokumentation über dieses Flugzeug mit eigenen Aufnahmen, um sich dessen 50jähriger Geschichte zu nähern, seinem Mythos, dem Symbol und, nicht zuletzt, der Maschine B-52. Bitomsky geht sie zuerst von außen an, in einer gewissermaßen architekturfilmischen Erkundung ihrer Flächen und Formen. Bildstrecken von geometrischer Strenge, dabei temporeich montiert. Fast meditativ ruhig dagegen die Einstellungen, die sich Tätigkeiten, Bewegungen, Prozeduren widmen. Bitomsky versteht sich auf die Kunst der Kontraste. Reden lässt er dabei zumeist andere und beschränkt sich auf nachdenkliche Off-Kommentare. Ein junger Rekrut spult emotionslos die technischen Daten herunter. Leergewicht 78t, Spannweite 55m - oder, wie es 1952 in einem Film zur Flugzeug-Premiere etwas volksnäher hieß: so breit wie ein Football-Feld, so teuer wie 6000 Chevys. Im Kalten Krieg wollte man die Bürger für neue Waffen erwärmen. Heute will die Air Force eher den Eindruck kalten Spezialistentums erwecken. Als wollte sie verdrängen, dass die B-52 seit dem Untergang der Sowjetunion eigentlich obsolet geworden ist. Denn ursprünglich handelt es sich um ein Produkt der Blockkonfrontation, um das Rückgrat der US-Abschreckung. Die enorme Reichweite der B-52, durch Betankung im Flug unendlich erweiterbar, garantiert globale nukleare Potenz. In den 50ern umkreisten Hunderte B-52 die UdSSR, an einem gegebenen Punkt kam alle 12 Minuten eine vorbei. "Gottseidank wurde das nie Ernst", sagt der offizielle Flugzeugemaler der Air Force, und über seine Malerei: "This is glorifying peace, not war!" Man hat gewonnen, ohne Atomkrieg, dank B-52! Diese Erfolgsgeschichte unterschlägt natürlich, dass der Ausschluss eines direkten Kriegs den Konfliktaustrag in Stellvertreterkriegen implizierte, auf dem Rücken anderer. Auch das spiegelt die Geschichte der B-52 wieder, die für den Vietnam-Krieg vom Stratosphären-Atombomber zum konventionellen Tiefflug-Bomber umgerüstet wurde. Was das heißt, lässt Bitomsky von Zeitzeugen berichten. Glorifying peace? Der US-Veteran zählt geflogene Einsätze und abgeworfene Bombentonnen auf, der vietnamesische Zivilist Familienangehörige, zerfetzte Gliedmaßen, Todesarten, der vietnamesische Pilot Abschüsse. Heute warten Hunderte B-52 auf einem gespenstischen Bomberparkplatz in der Wüste Arizonas auf ihre Verschrottung. Es fliegen nur noch 15% der Produktion, weitere 15% wurden abgeschossen. Etliche Teile sind wiederverwertbar, z.B. bestimmte Ventile für das Aufrüsten von Straßenkreuzern zum Low-Riding, manche sind gar Kultobjekte, so die Nose-Art, die aufgemalten nackten Frauen an der Flugzeugspitze. Wenn auch die Air Force ihr reales Gewaltpotenzial nur noch als bedingt notwendig einstuft, das symbolische bleibt es allemal. Der Kosovo-Krieg wurde nicht umsonst mit dieser Ikone der Macht eröffnet. Ihre Deutung besorgt in B-52 ein Künstler, der aus deformiertem B-52-Schrott das Andere hervorlocken will (mit großem A), ausgegrenzte Energien von Gewalt und Widerspruch. Er analysiert den Zeichencharakter dieses fliegenden Phallus und deckt den Widerspruch auf, dass der beim Tankmanöver gleichsam selber penetriert wird. Der spannende Vortrag kippt um in eine Realsatire auf semiotischen Deutungswahn. Den hält sich Bitomsky gerade durch solche Gesprächspartner vom Leib, durch dieselbe kluge Distanz, mit der er verhindert, dass wir anfangen, den Bomber zu lieben. Jakob Hesler A propos B-52: Die B-52 hat (neben etlichen anderen Kriegsflugzeugen) einen prominenten Platz in der politischen Ikonographie der USA. Man liebt es dort, sich Lederjacken mit Nose-Art-Motiven maßschneidern zu lassen - hier mal ausnahmsweise ein Shopping-Link: noseartjacket.com. Harte Fakten über die US-Streitkräfte erfährt man dagegen auf der deutschen Seite globemaster.de, die dem Verlauten nach sogar von US-Militärs hoch geschätzt wird. Eher redundant hier vielleicht der Text von Hartmut Bitomsky selbst über den Bomber. "Hartmut Bitomsky selbst" hat nicht nur mit früheren Essay-Dokumentarfilmen wie "Reichsautobahn" oder "Der VW-Komplex" Dokumentarfilmgeschichte geschrieben, sondern auch theoretische Traktate sowie als Mitherausgeber und Autor der "Filmkritik" Filmkritiken; er hat Belà Balazs und André Bazin herausgegeben und lehrt inzwischen in den Staaten Film/Video. Einen biographischen Essay über ihn bietet die Doku-Ecke der Uni Karlsruhe im Rahmen ihrer umfänglichen Textsammlung zur Geschichte des Dokumentarfilms (schlecht redigiert, aber lesenswert. Ein Interview mit Bitomsky und seinem alten Kompagnon Harun Farocki zu B-52 kann man im taz-archiv nachlesen.
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