American SplendorAmerican Splendor, USA 2003, 101 min. R+B: Shari Springer Berman, Robert Pulcini, K: Terry Stacey, D: Chris Ambrose,Joey Krajcar,Josh Hutcherson,Cameron Carter,Daniel Tay,Mary Faktor,Paul Giamatti, Harvey Pekar u. a.
Verleih: Filmwelt, Bundesstart: 29. Oktober 2004

Das Prinzip Erzählen

Nach einer geläufigen Meinung ist ein Dokumentarfilm dann gelungen, wenn man sich nach der Vorführung über seinen Gegenstand Gedanken macht, aber nicht über den Film selbst. Der Sache dienen, ohne sich selbst in den Vordergrund spielen, das soll die Maxime solcher Filme sein – zum „Diskurs der Nüchternheit“ (Bill Nichols) beitragen. Dass die Abspaltung des Inhalts von der Form hier wie überall Unfug ist, zeigt der kleine Film „American Splendor“. Zugegeben, es handelt sich dabei um gar keinen reinen Dokumentarfilm. Aber gerade deshalb sollte er dessen Puristen zu denken geben.

„American Splendor“ erzählt die Geschichte der Entstehung der gleichnamigen Comicserie, in der der Amerikaner Harvey Pekar (Paul Giamatti) Geschichten aus seinem trostlosen Leben in der Provinz erzählt. Eingeschaltet in diese Spielhandlung sind knappe Interview-Sequenzen mit dem echten Harvey Pekar, vorgeschaltet einige Seiten aus dem Comic, die dann in den Spielfilm überblenden. Auch zwischendurch wird manchmal auf Comic-Ästhetik zurückgegriffen, etwa in kleinen Kästchen am Bildrand, die das Geschehen kommentieren.

Harvey gehört zur Klasse der Nerds, jenes beliebten US-amerikanischen soziologischen Typus des unglücklichen, intelligenten Außenseiters, der aus seiner Highschool-Rolle auch als Erwachsener nicht mehr herauskommt. Nicht einmal aus seiner deprimierenden Heimatstadt Cleveleand, Ohio ist Harvey herausgekommen. Statt etwas aus sich zu machen, hängt er in seinem Job als Aktensortierer im örtlichen Krankenhaus fest. Aufrecht hält ihn einzig seine Leidenschaft für Platten und Comics, die sich im Chaos seiner Wohnung zur Decke stapeln. Beim Flohmarktstöbern freundet er sich eines Tages mit dem zukünftigen Comic-Großmeister Robert Crumb an. Und dann passiert es: Harvey merkt, dass die kleinen Skizzen, die er manchmal aus Frust bei der Arbeit über seine Kollegen verfasst, eigentlich sehr witzig sind. Er fragt Crumb, ob der sie für ihn illustrieren möchte – er möchte, und „American Splendor“ ist geboren.

Harvey wäre aber kein rechter Nerd, wenn mit dem Erfolg plötzlich alles anders würde. Er findet zwar endlich eine Freundin, fährt zu Autogrammstunden, tritt sogar regelmäßig in der Letterman-Show auf. Doch das graue Cleveland bleibt das selbe, und den öden Job im Krankenhaus muss Harvey behalten, denn vom Geschichtenschreiben wird man nicht reich: Alles wie gehabt. Der echte Harvey Pekar bestätigt das krächzend, wenn auch schmunzelnd. Er sei halt ein eher negativer Typ.„American Splendor“ ist liebevoll im Stil der 70er ausgestattet, mit etlichen Pointen versehen und überhaupt hübsch anzusehen. Allerdings reicht die bunte Inszenierung nicht an den bissigen Lakonismus der schwarzweißen Vorlage heran.

Aber das ist kein Defizit. Mit dem Vergleichen von Vorlage und Verfilmung ist der Zuschauer schon in das raffinierte, erhellende Verhältnisspiel von „American Splendor“ hineingeschliddert. Was heißt es, einen Comic zu verfilmen, der ein reales Leben darstellt? Trotz der Spielhandlung handelt es sich unterm Strich um eine Dokumentation, denn den Bezugsrahmen dieser Handlung bildet greifbar Wirkliches: der Comic und sein Autor. Anders als in einem Biopic, vergleichbar den Dokudramen Heinrich Breloers, ist dieser Rahmen dem Film selbst eingeschrieben. Sicher, als Doku ist der Film vielleicht faktenärmer als andere. Aber wäre es objektiver, wenn statt des Schauspielers Stimme ein neutraler Kommentator die Geschichte Pekars aus dem Off erzählen würde, vielleicht zu Bildern vom verrostenden Cleveland, Pekars Oma und seinem Krankenhaus? Wohl kaum, es wäre sogar weniger objektiv. Hinter der fiktionalen Darstellungsweise, anstatt der die Regisseure Shari Springer Berman und Robert Pulcini ja auch einen reinen Interview- und Zeitzeugen-Film hätten drehen können, steckt nämlich, und das ist das Schöne, nicht nur eine biographische, sondern strukturell auch eine dokumentarische Absicht. Die tatsachengestützte Fiktion vergegenwärtigt nämlich exakt, was Harvey Pekar selber in seinen Geschichten gemacht hat, das Wesen seiner autobiographischen Kunst, um die es dem Film eigentlich geht: das Erzählen von Wirklichkeit. In „American Splendor“ vermittelt die fiktive Form – wenn man so will: dokumentarisch – den Inhalt.

Das ist nicht nur aufschlußreich über Harvey Pekar, sondern auch über Dokumentarfilme überhaupt. Denn was sind Pekars pointierte, triviale, skurrile Alltagsgeschichten – im Gegensatz etwa zu Franquins Gaston – anderes als Dokumentarcartoons? Pekar, der echte, behauptet im Film, er hätte das alles so erlebt, und seine Freunde und Kollegen, die im Film in einer Szene ebenfalls real zu sehen sind, beglaubigen das implizit. Es ist natürlich eine alte Weisheit, aber „American Splendor“ frischt sie anregend auf: Erzählen ist das Mittel, der Wirklichkeit Sinn zu verleihen, sei sie nun zeichnerisch oder filmisch „dokumentiert“, oder auch nur vorgestellt wie bei einem Buch. Kein Dokumentarfilm, wenn man diesen fragwürdigen Begriff überhaupt noch benutzen möchte, denn ein guter Film dieser Art ist gerade kein Dokument, kommt ohne dieses Mittel aus. Das soll nicht heißen, dass es keinen Unterschied zwischen Wirklichkeit und Fiktion gibt. Den kann man in „American Splendor“ sehr genau erkennen, der echte und der gespielte Harvey Pekar sind zwei verschiedene Figuren. Eher soll es heißen, dass dieser Unterschied nicht mit dem zwischen Dokumentar- und Spielfilm zusammenfällt. Das Prinzip Erzählen ist ein Schlüssel zu beiden.

Jakob Hesler


A propos:

Weitere Gedanken zum Thema Dokumentarfilm und Biographie finden sich in einem filmtext-Essay im Archiv. Weitere Gedanken über den Sozialtypus Nerd in "American Splendor" hat sich Jump-Cut gemacht.


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