Der neunte TagDer neunte Tag D. 2004. R: Volker Schlöndorff, B: Eberhard Görner, Andreas Pflüger, K: Tomas Erhart, Schn: Peter R. Adam, mit Musik von Alfred Schnittke, Pr: Jürgen Haase, D: Ulrich Matthes, August Diehl, Hilmar Thate, Bibiana Beglau
Progress, 11. November 2004

Grundsolide Schnitte

Filme über den Nationalsozialismus sind langweilig, lautet eine verbreitete Meinung. Weshalb bisweilen Wochen vor der ersten Vorstellung eines NS-Films mit großem Gerummse noch nie gesehene Bilder angepriesen werden, als würden sie allein Erkenntnis darüber verheißen, wie das alles passieren konnte. Wer "Der Untergang" gesehen hat, weiß es besser. "Der neunte Tag", nach "Die Blechtrommel" und "Der Unhold" Volker Schlöndorffs dritte direkte Beschäftigung mit dem NS, kommt bescheidener daher. Aber auch er schmückt eine wahre Begebenheit aus, die bisher niemand sehen konnte.

Der luxemburgische Abbé Kremer erhält 1942 einige Tage "Urlaub" vom KZ. In der Gestapostelle des annektierten Luxemburg warten tägliche Begegnungen mit einem Herrn Gebhard auf ihn. Der junge blonde Gestapomann verlangt von ihm ein Einwirken auf den renitenten Bischof des Landes. Bringt Kremer den Hartnäckigen zur Kollaboration, muss er nicht zurück ins KZ. Flieht er, werden sämtliche Insassen des so genannten Pfarrerblocks in Dachau umgebracht. Hat er nach neun Tagen keinen Erfolg, ist Schluss mit KZ-frei.

Ulrich Matthes (Kremer) und August Diehl (Gebhard) geben einiges, um aus den Kontrahenten so richtig schön psychologisch nachvollziehbare Charaktere zu machen. Mal hat der eine Oberwasser, mal der andere, meist schmaucht und plaudert man recht kontrovers - als stünde nicht einer von ihnen unter Bedrohung - über die Bedeutung der Judasfigur fürs Christentum. Doch vor aller Bibel-Exegese geht es in diesem Kammerspiel um Zivilcourage. Mit ein paar fiebrigen Szenen aus dem Lageralltag, in wohlfeiles Graubraun getauchten Bilder und dem grundsoliden Schnitt eines landläufigen Dramas nimmt es den Zuschauer fest bei der Hand und beantwortet für ihn die aufdringlich gestellte Frage: Wie hättest du gehandelt?

Anlässlich der Deutschlandpremiere wurde Volker Schlöndorff in München der Bernhard-Wicki-Filmpreis verliehen. Wicki hat einen der spannendsten Filme über den Nationalsozialismus gemacht, indem er eine mögliche Begebenheit in realistischer Manier geradezu durchdrang. "Die Brücke", über ein paar fanatische Jungs, die in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in einem vergeblichen Kampf ihr Leben lassen, hält mehr Fragen virulent als er beantwortet. Und schon gar nicht gibt der Film mit Fragen, die zu anderen Zeiten an anderen Orten genauso angebracht wären, eine Steilvorlage für moralische Volltreffer.

Christiane Müller-Lobeck


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