 | | Die fetten Jahre sind vorbei D 2004. R. und B: Hans Weingartner, B: Katharina Held, K: Matthias Schellenberg, Daniela Knapp, Schn: Dirk Oetelshoven, Andreas Wodraschke, T: Stefan Soltau, M: Andreas Wodraschke, Pr: Hans Weingartner, Antonin Svoboda, D: Julia Jentsch, Daniel Brühl, Stipe Erceg, Burghart Klaußner Delphi, 25. November 2004 | | |
Über die Verhältnisse erziehungsberechtigt Das Politische im Privaten und das Private im Politischen zu kritisieren war wahrscheinlich mal sinnvoll - zu Zeiten, als die junge Frauenbewegung den SDS-Großkopferten ihren Chauvinismus um die Ohren haute und in Kommunen bis zum Erschlaffen freie Liebe debattiert wurde. Am Ende ist von der Kurzformel ein Langhans übrig geblieben, dessen Esoterikharem es mit schöner Regelmäßigkeit sogar in die BILD schafft. Oder lustige IKEA-Spots, in denen vor der nächsten Revolution erst einmal der gute Rote bewältigt sein will. Das ist als Resultat traurig genug. Was aber, wenn Politikkritik erst gar nicht politisch wird, sondern gleich im Privaten beginnt? Hans Weingartner lässt in seinem Film drei attac-bewegte Helden in Villen einsteigen, nicht zur Entprivatisierung von Volkseigentum, sondern um ein bisschen künstlerisch wertvolle Unordnung zu arrangieren. Bedroht, beobachtet sollen die Kapitalistenschweine sich fühlen in ihren Nobelnestern, und schämen sollen sie sich. "Die fetten Jahre sind vorbei" steht auf Zetteln, die die Heimkehrer finden. Unterzeichnet von den "Erziehungsberechtigten". Die nächtlichen Happenings zeigt Weingartner häufig durch die verkantete Perspektive von Überwachungskameras - aus eben jener Perspektive, die auch die Intimitätsterroristen des TV benutzen von "Verstehen Sie Spaß?" bis "Big Brother". So weit, so hämisch, aber noch kein Film. Der beginnt, weil der eine junge Mann sich in die Freundin des anderen jungen Mannes verliebt. Und dann ein Schwein zu früh nach Hause kommt. Er erkennt das Mädchen, sie ist ihm mal in sein Schweineauto gefahren und jetzt bis an ihr Lebensende verschuldet. Das Schwein wird auf eine Sennerhütte entführt und stellt sich vor als Dutschkekumpel und netter Kerl, ein Typ aus dem IKEA-Spott eben. Womit Weingartner den Rahmen der Debatte aus dem eh schon Nicht-Öffentlichen ins Urlaubsidyll verlagert. Entspannung ist angesagt. Das Schwein zieht mit am Joint, sinniert über Integrität, Korrumpierbarkeit, 16-Stunden-Tage, Barfußlaufen und klingt dabei - es ist ein bisschen peinlich - um vieles glaubwürdiger als die Ausbeutungs-Stanzen der jungen Leute. Genau hier hätte die Politik-Privatheits-Analyse anheben müssen. Wir ahnen ja nicht, wir wissen, dass Peter, Jule und Jan selbst nur noch ein paar Jahre von ihrer eigenen Schweinwerdung entfernt sind. Weingartner flüchtet jedoch in Utopie. Nachdem die Jungs sich zum Eifersuchtausgleich erst auf den Nüscheln gehauen und dann in den Arm genommen haben und das Schwein mangels Verwendungsmöglichkeit wieder in seiner Berliner Villa abgegeben wurde, ist ein Hotelbett am Meer der Ort des Gegenmodells zur bourgeoisen Paarsamkeit. Damit auch der Rest Europas mal zum Nachdenken über seine "Verhältnisse" kommt - und das heißt hier immer: mal von der bösen Glotze aufstehen muss - gehen ganz zum Schluss die Lichter aus. Sendepause als revolutionärer Akt, denn das Medium ist die Message. Ist es? Dann wird die Revolution es schwer haben innerhalb von Weingartners filmischer Aussage. Man würde in "Die fetten Jahre sind vorbei" gerne einen Unterschied sehen zwischen der naiven Hybris der Figuren und einer Inszenierung, die diese Naivität nicht bedient, sondern thematisiert. Man wünscht sich dramaturgischen Leerlauf und Zögern innerhalb einer Story, die vom Gelingen oder Scheitern von Aktionismus handelt. Man wünscht sich eine Kamera, die bei den Sprechern verharrt auch nach dem Verklingen ihrer letzten Parole noch. Man wünscht sich schlicht etwas beobachtende Distanz. Nichts davon hier. Die wenigen dankenswert unbehaglichen Momente des Films sind eher dem Umstand geschuldet, dass Julia Jentsch, Stipe Erceg und sogar der dauerpubertäre Daniel Brühl sich sichtlich allein gelassen fühlen mit der Flugblattprosa ihrer Dialogzeilen. Statt solche Sende-Pausen als dialektischen Gewinn zu nutzen, spielt Weingartner hurtig versammelte Lieblingssongs ein von Leonard Cohen bis Franz Ferdinand. Das Medium ist Feelgoodkino für die Oberstufe, in der Weingartner sicherlich ein Guter war. Urs Richter
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