 | | Die Tiefseetaucher (The Life Aquatic With Steve Zissou), USA 2004. R: Wes Anderson, B: Wes Anderson, Noah Baumbach, K: Robert Yeoman, Production Designer: Mark Friedberg, M: Mark Mothersbaugh, D: Bill Murray, Owen Wilson, Cate Blanchett, Anjelica Huston, Willem Dafoe, Jeff Goldblum, Michael Gambon, Bud Cort Buena Vista, 17. März 2005 | | |
The World according to Wes Der Ozeanologe Steve Zissou ist nicht mehr der Jüngste. Auf seiner letzten Expedition ist sein bester Freund Esteban gestorben, angeblich gefressen von einem ominösen Jaguar-Hai. Jetzt will Zissou zu einer letzten Expedition aufbrechen, um den unbekannten Hai zu finden - und zu töten, "vielleicht mit Dynamit". Nach seiner wissenschaftlichen Motivation befragt, antwortet er: Rache. Es ist schwer zu sagen, wann dieser Film spielt. Im Reich Steve Zissous sieht es sehr nach den frühen Siebzigern aus. Es müssen Dokus von Jacques Cousteau aus dieser Zeit sein, die Regisseur Wes Anderson zu seinem Film inspiriert haben. Nicht nur die roten Wollmützen, die hier von der gesamten Crew getragen werden, erinnern an den legendären französischen Taucher. Auch der Siegelring der "Zissou Society" ist eine Anspielung auf die amerikanische "Cousteau Society", das Forschungsschiff "Belafonte" ist wie Cousteaus Schiff "Calypso" ein Minensuchboot aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Hauptattraktion des Films ist eindeutig das Schiff. In den Cinecittà-Studios wurde die "Belafonte" für die Innenaufnahmen an einem Stück im Querschnitt nachgebaut - ein großartiges Bühnenbild für ein Theaterstück! Und noch besser kommt es in diesem theatralen Film zur Geltung. Die Kamera kann sich elegant von einem Raum zum anderen bewegen und den Schauspielern folgen, die wie durch ein lebensgroßes Puppenhaus laufen. Die ganze Pracht des Schiffs wird natürlich extra in einem Rundgang vorgestellt: der blau gekachelte Mini-Spa-Bereich mit Whirlpool, das Bordlabor, das Schnitt- und Tonstudio für die Meeresdokumentationen, die Bibliothek und so weiter. Wes Anderson beweist hier mal wieder, was der Begriff "Special Effects" für ihn bedeutet: liebevolle, aufwändige Handarbeit, die gerade nicht die perfekte Illusion schaffen will, dafür aber Lust am Schauen macht. Ansonsten spielen die skurrilen Einfälle am Rand die Hauptrolle. Anderson ist ein Meister des Überflüssigen, des Verpulverns von Ideen. Man erfährt irgendein seltsames Detail aus der Biografie einer Figur, lacht kurz und vergisst es gleich wieder, um über ein komisches Ausstattungsstück zu schmunzeln, das für ein paar Sekunden am Rande zu sehen ist. Ich glaube, außer den roten Mützen und dem schwäbischen Dialekt, der Willem Dafoe in den Mund gelegt wurde und im Original so gar nicht vorkommen kann, gibt es in diesem Film keinen Running Gag. Alles andere ist eine recht amüsante Parodie auf Hollywood-B-Movies aller Genres. Bill Murray gibt als Steve Zissou eine traurige Ausgabe des Meeresforschers ab. Die Arbeit erfüllt ihn keineswegs, die ganzen lateinischen Namen kann er sich sowieso nicht merken. Lieber bändelt er mit der schwangeren Wissenschafts-Journalistin (Cate Blanchett) an, um dann, abgewiesen, aus gekränkter Eitelkeit die ganze Crew mit seiner schlechten Laune zu terrorisieren. Einschließlich der acht unbezahlten Praktikanten der Universität von Alaska. Beim gemeinschaftlichen Einbruch in das Ozean-Unterwasser-Labor seines Konkurrenten klaut er als erstes die Espresso-Maschine, dann erst wissenschaftliches Gerät. Zissou ist ein selbstverliebter, alter Arsch, der auf dem letzten Loch pfeift. Seine Sponsoren springen ab, und seine Dokumentationen fangen an, zu langweilen. Dann taucht sein verlorener Sohn Ned Plimpton (Owen Wilson) auf. Zissou nimmt ihn sofort in die Mannschaft auf und tauft ihn auf den albernen Namen Kingsley Zissou. Zissou jr. schafft es, seinen alten Herrn noch einmal auf Hochtouren zu bringen und den Jaguar-Hai zu finden. So werden allerhand Abenteuer bestanden auf dieser Seefahrt, unter anderem wird gegen schlitzäugige Piraten gekämpft, und einer aus der Crew muss mal wieder dran glauben. Ganz zum Schluss gibt es dann noch den obligatorischen Tiefseetauchgang im U-Boot à la Jules Verne, bei dem alles mögliche komische Getier vor die Kamera schwimmt. Hier hat man das erste Mal das Gefühl, ins Meer abzutauchen. Alle Tauchfahrten vorher sahen aus wie im Stadtweiher gefilmt, so trübe ist die Brühe. Interessant ist dabei, wie sich einer wie Wes Anderson Unterwasserfauna und -flora vorstellt: Ganze Bäume wachsen da unten, der Boden ist mit Farn bedeckt, und die Fische sehen aus wie Reptilien. Eine schöne Reflektion über die eigene Retro-Attitüde des Films ist, daß das "Team Zissou", passend zu ihren altmodischen, stylischen Uniformen in Hellblau, mit einer Turnschuh-Sonderedition von Adidas gesponsert wurde. Natürlich ist auch dieser Vertrag längst gekündigt, wie Zissou traurig erklärt. Die Treter sind Old School, weiß mit bunten Streifen, und sie heißen schlicht "Zissou". Und es gibt sie, Bravo!, nur im Film. Anderson entwirft in "Die Tiefseetaucher" wie schon in den "Royal Tenenbaums" ein liebevoll bis ins letzte Detail durchdachtes Paralleluniversum - das nicht die Realität, sondern die Fantasie einer irgendwie einmal so ähnlich da gewesenen Realität zum Vorbild hat. Darin unterscheiden sich Andersons Filme von Science Fiction und vom Kostümfilm. Wunderbarerweise werden sie nicht zu einer abgefuckten, coolen Retro-Show. Das muss an der Liebe liegen, die in diesen Filmen steckt, und an ihrer Entspanntheit, mit der all die Einfälle und Witze präsentiert werden. In den meisten Komödien zielen die Witze in die Magengrube - entweder man lacht mit, oder man ist draußen. Anders bei Anderson. Man kann lachen, muss aber nicht. Dirk Schneider
A propos "Die Tiefseetaucher": Nach dem Film macht auch ein Besuch auf der Seite der Cousteau Society Spaß. Nicht ganz so lustig ist die Seite der Zissou Society.
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