SidewaysSideways, USA 2004. R+B: Alexander Payne, K: Phedon Papamichael, M: Rolfe Kent, D: Paul Giamatti, Thomas Haden Church, Virginia Madsen, Sandra Oh, Marylouise Burke, Jessica Hecht, Missy Doty u.a.
Start: 3.2.2005 Veleih: Twentieth Century Fox

Pinot & Prozac

So mancher Film gähnt einem derartig kokett von der Leinwand entgegen, dass man eigentlich ruhig und entspannt zurückgähnen könnte, doch das Gähnen ragt auch anschließend noch ins eigene Schreiben, es paralysiert – unentscheidbar, ob Ursache oder Projektion der eigenen Leere.

Von Anfang an erscheint alles an „Sideways“ auf eine schläfrige Weise vertraut. Seine Figurenkonturierungen wirken wie abgepaust aus einer der HBO-Fernsehserien, in denen fortschreibend ein skurrilrealistisches Amerika konstruiert und stilisiert wird. Was im Fernsehen als Gegenideologie zum amerikanischen Network-TV-Mainstream mal revolutionär war und seine Berechtigung hatte, ist in „Sideways“ ein schlapp-routinierter Aufguss, eine gelegentlich charmante, zumeist aber einfach saft- und zahnlose Mittelstandsfarce der kleinen Umwege, die das Ankommen doch niemals gefährden. New Hollywood war nie so verdammt lang her. Man hat es sich längst kuschelig gemacht mit dem Leben der von eben diesem arg Gebeutelten, der Depressiven, Versehrten, Neurotischen; Typen eben, die als Versager oder Ekel vorgeführt werden, mit denen sich Kamera und Publikum dann aber doch solidarisch zeigen, weil sie in ihrer Unausstehlichkeit so wunderbar drollig und in ihrer Drolligkeit nur selten richtig unausstehlich sind.

Auch Miles und sein Buddy Jack sind das, was Fernsehzeitschriften gerne als „liebenwerte Loser“ bezeichnen; ein depressiver Schriftsteller ohne Verleger, der seine Mutter bestiehlt und den Kummer über seine Scheidung in gehobenem Alkoholismus als Weinsnob ertränkt, und ein ehemaliger Seriendarsteller, der noch einmal seiner Libido das Kommando überlassen will, bevor er in eine reiche armenische Familie einheiratet. Die Junggesellenabschiedsreise führt die beiden in ein kalifornisches Weinanbaugebiet und dort zu zwei unverhältnismäßig bezaubernden, wohl ähnlich einsamen Frauen. Aber jeder kontrollierte Ausbruch muss ein Ende haben: hoffnungsvoll und mit einer Lebenslektion für den scheinbar rettungslos selbstmitleidigen Miles; mit einer Bauchlandung und einer symbolischen Kastration für den einfältigen Jack. Man merkt das Bemühen, den Figuren eine Entwicklung, eine Geschichte zuzugestehen: Alexander Payne will sie uns nicht auf dem Silbertablett servieren. Informationen über ihr Leben, ihre Motivation gewährt der Film portionsweise; unsere Zuneigung sollen sie sich erkämpfen. Doch recht eigentlich wissen wir sofort alles, was den Film tatsächlich an ihnen interessiert: Kauzig und skurril sollen sie sein, ohne ihre Empathieattraktivität einzubüßen. Miles ist für Schrullen, Melancholie und Sentimentalität zuständig, Jack für Ignoranz, Torheiten und Peinlichkeiten: Jede Entwicklung, als Konzept schon fragwürdig genug, wird durch die Vollstreckungslogik ohnehin torpediert. Ein Buddyfilm zwischen Prozac und Pinot mit dem Temperament eines Sedativums kommt schließlich dabei heraus. Gelegentlich serviert Payne mit den am Wegesrand aufgelesenen Figuren lässig und souverän kleine Diskursschnipsel – und lässt sie dann ebenso souverän der allgemeinen Belanglosigkeit anheim fallen oder in der nächsten Pointenzündung untergehen. Ein Amerika der Seitenwege soll es wohl sein, aber auch Payne reist von Film zu Film bequemer, und so zieht es ihn sowohl kinematographisch als auch narrativ auf hinlänglich betretene Pfade. Er verzichtet (beinahe ein wenig mut- und lustlos) auf den Umschlag ins allzu offen Drastische oder Schrille, und doch erspart uns die Dramaturgie fast keine erwartbare Zuspitzung – auch wenn diese dann nie vollends ausgereizt und ausgekostet werden. Darunter gerät „Sideways“ zu einer exemplarischen Vorführung, wie man Fein- und Hintersinn mit Schlüsselwörtern und -reizen simuliert, Groß-Gewolltes in kleinere Förmchen gießt, in der irrigen Erwartung, es damit erträglich zu machen oder zu brechen. Das Ensemble müht sich redlich, in dem engen Korsett der Typisierungen die richtigen Töne zu treffen – was nichts daran ändert, dass man pausenlos das Gefühl hat, die Tonart des ganzen Films sei schlicht falsch.

Denn recht eigentlich ist „Sideways“ konzipiert als eine bittersüße Männerphantasie, eine Art „Coming of Age“-Film für Leute, denen „American Pie“ zu jung, zu stillos und deftig ist. Deshalb gibt es eben Wein statt Bier, Golf statt Basketball, zu allem läuft Cool Jazz statt Hip Hop; außerdem fährt der Protagonist Saab, was ihn in unseren Augen natürlich viel angenehmer erscheinen lässt als den neuen Mann seiner Ex-Gattin mit seinem SUV. Man könnte nun darüber spekulieren, ob dies schon hinreicht zu nostalgischer Identifikation durch Männer jenseits der 40 und ob dies dem Film dann seine überwiegend euphorischen, mitunter sogar hymnischen Kritiken eingebracht hat. Filmische Gründe für solche Preisungen vermochte ich jedenfalls nicht zu entdecken.

Daniel Eschkötter


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