Die fabelhafte Welt der AmelieDie fabelhafte Welt der Amelie(Le fabuleus destin d'Amelie Poulain), Frankreich 2001. R. und B: Jean-Pierre Jeunet, B: Guillaume Laurant, K: Bruno Delbonnel, M: Yann Tiersen, P: Claude Ossard, D: Audrey Tautou, Mathieu Kassovitz, Rufus, Yolande Moreau, Maurice Benichou, Artus De Penguerin, Dominique Pinon, u. a.
Prokino, 16. August 2001

Polaroids from Hell

"Amelie Poulain ist eine kleine Sau", hat einer während der Vorführung hinter mir gesagt - hab ich geträumt. Im Traum war die ganze Pressevorführung im Stil eines großen Fressens organisiert. Man konnte während der Vorstellung auf Bierbänken sich laut unterhaltend Schweinshaxn und Trüffel reinziehen. "Amelie Poulain ist also eine kleine Sau?", überlege ich. Nein. Eher kann man sagen, Jean-Pierre Jeunet ist ein kleines Schwein.

Jeunet kommt aus der Werbung, das ist kein Geheimnis, es war überall zu lesen damals, als "Delicatessen" anlief. Die gängigsten Werbeformate sind 28 und 44 Sekunden. Und logisch muss Inhalt in 28 oder 44 Filmsekunden funktionaler, punktueller vermittelt werden, als in 5400 oder mehr. Und mit der gleichen Zwangsläufigkeit verwandelt die Werbebranche ihre kreativen Menschen über kurz oder lang in detailversessene Style-Fetischisten. Da muss man dann erst mal wieder runterkommen von.

Jeunet ist nicht runtergekommen. Er hat sich im Gegenteil immer weiter hineingesteigert. Er hat spielfilmlange Filme gebastelt, in denen eine Pointe die nächste ablöst, überlagert oder einfach verschluckt, in denen das Farbkonzept immer auffällig stimmig, die Protagonisten immer auffällig skurril und die Ausstattung immer auffällig auffällig sind. Diese Filme sind nicht dumm, sie funktionieren perfekt in ihrer inneren Logik. Das Problem ist nur: Sie hinterlassen eine Leerstelle im Gehirn des Betrachters.

Die verspielt ausgefeilten Figuren und das Fantastische der Episoden, die Amelie im Verlauf des Films trifft und durchläuft, sind nichts anderes als ein opulentes Menü, das schwer im Magen liegt, dessen letzte Gänge eine Qual sind. Und wenn die Enzyme ihren Job getan haben, das Blut wieder zirkuliert, stellt der Tor erschrocken fest: so schlau als wie zuvor.

Das ist das Problem der zum Selbstzweck erhobenen Ästhetik. Dass sie Inhalt überflüssig macht, noch perfider: ihn zum Dekor degradiert. Es geht hier nicht um Verstehen. Es geht nur ums Nettsein, ums hübsch aussehen, ums selbstverliebte Konstruieren schöner Bilder. So verpuffen nicht uninteressante Konstellationen, weil sie keiner Geschichte, sondern nur der Skurrilität dienen. Dass Amelies Schwarm Nino als moderner Outlaw u. a. in Sexshop und Geisterbahn arbeitet, dass Amelie als Kellnerin nicht jobbt, sondern richtig arbeitet, dass Amelies Vater nach dem Verlust der Frau sich in Gartenzwergfetischismus verliert. Alles Dekor.

Trotzdem werden genau solche Kulturerzeugnisse am liebsten konsumiert und am höchsten gelobt. "Einfach schön". Werbeslogans als Bewertungskategorien. Klar, "Die fabelhafte Welt der Amelie" wird ein Bombenerfolg. Alle Ingredienzien sind perfekt aufeinander abgestimmt. Eine wunderbar bezaubernde Audrey Tautou als Amelie, ein prestige- und werbeträchtiger Mathieu Kassovitz als zweite Hauptfigur, ein Gartenzwerg auf Weltreise, Montmartre als Wonderland. Die vielen kleinen Ideen, das Pittoreske werden ihre Bewunderer finden. Da kann einem schon schlecht werden. "Romantische Komödie" ordnet die Verleihinfo an. Jawollja.

Achim Wiegand


A propos "Amelie":

Von Herrn Vorwerk gibts eine kompakte, nüchtern-lobende Inhaltsangabe.



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