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 | | Der wilde Schlag meines Herzens (De battre mon coeur s´est arrêté),F 2005, 107 Min. R: Jacques Audiard, B: Jacques Audiard, Tonino Benacquista, n. d. Film „Fingers“ von James Toback, K: Stéphane Fontaine, Schn.: Juliette Welfling, M: Alexandre Desplat, Pr.: Martine Cassinelli, D: Romain Duris, Niels Arestrupp, Linh-Dam Pham, Aure Atika, Anton Yakovlev u. a. Verleih: Concord, Bundesstart: 22. September 2005 | | |
Piano-Lektionen Manche werden die Geschichte abgedroschen finden. Und das nicht deshalb, weil es sich um das Remake eines fast dreißig Jahre alten amerikanischen Films handelt. Denn Jacques Audiard, Regisseur und Co-Autor der Neuauflage, hat Ausgangslage und Handlungsverlauf gravierend verändert. Im Mittelpunkt steht Tom (Romain Duris), ein gutaussehender, charmanter Endzwanziger in schicken Klamotten. Ohne Gewissensbisse betreibt er schmutzige Immobiliengeschäfte, weil er seinem autoritäten Vater Robert (Niels Arestrup) nacheifert. Der war einmal in der Branche eine große Nummer, hat nun aber Schwierigkeiten mit säumigen Mietern. Die zufällige Begegnung mit dem ehemaligen Agenten seiner Mutter, einer vor langer Zeit verstorbenen Konzertpianistin, kündigt Toms Läuterung an. Im Job setzt Tom mit seinen Kollegen Ratten aus, stellt Strom und Wasser ab oder fuchtelt mit der Brechstange herum, um legale und illegale Bewohner aus begehrten Mietobjekten zu verjagen. In den Abendstunden und nachts aber gibt er sich nun inbrünstig dem Pianospiel hin, das er seit seiner Kindheit brachliegen ließ. Mit dem Ziel, vorzuspielen und doch noch Karriere zu machen. Als der Vater von der russischen Mafia ermordet wird, droht Toms Rückfall in die Barbarei. Aha, soso, sagt man da schnell. Der Vater steht für Gewalt und Big Business. Die tote Mutter weckt die Sehnsucht nach der schönen und begehrenswerten Gegenwelt der Kunst. Ein unerquickliches Ping-Pong-Spiel der Gegensätze. Die Psychos würden Ödipus die Schuld geben, die Marxisten ein Unterbau-Überbau-Dilemma argwöhnen, die Gender-Forscher auf den Gegensatz von Vatermacht und Mutterreich verweisen. Aber solches Schubladendenken läßt die Qualität des Films unberührt. Er ist wunderbar darin, einen ungestümen Aufbruch in ein reicheres Leben zu zeigen. Romain Duris läßt durch den klavierspielenden Tom die reine, fiebrige Energie eines beeindruckend unebirrbaren Willens strömen, die jede kulturtheoretische Vogelperspektive obsolet macht. Eine zähe, nicht enden wollende Unterredung in einem kleinen Büro. Tom wird ungeduldig. Murmelt eine Entschuldigung und geht hinaus. Ruft im Flur mit dem Mobiltelefon im Konservatorium an. Will dort einen Vorstellungstermin ausmachen. Als der gewünschte Gesprächspartner dran ist, bricht Tom die Verbindung ab. Kehrt ins Büro zurück. Steht stumm da. Sagt, er habe etwas vergessen. Ruft erneut im Konservatorium an. Bekommt den Termin. Im Konservatorium die kritische Frage: Was machen Sie denn beruflich ? „Ich setze Ratten aus, ich stelle den Strom und das Wasser ab...“. Frech, dreist, impulsiv, stolz: provokativ: Tom ist ein Skandal. Sein Darsteller Romain Duris ein Wunder unerschöpflicher Expressivität, die ihn in die Liga von Belmondo oder Gérard Philip katapultiert. Man kann sich daran nicht sattsehen. Schon weil die Handkamera uns oft genug im Unklaren über das Geschehen läßt, so dicht klebt sie an Tom. Hintergründe verschwimmen, viele Szenerien bleiben im Dunkeln: Die Welt dieses ruppigen romantischen Helden erschließt sich nur durch ihn selbst. Was gibt Tom die Musik? In seinem Job steht er ständig unter Strom. Der Elektropop, den er über sein Headset hört, versetzt ihn in Zuckungen, die dem Ryhthmus seines Lebens aus schnellen Deals und flüchtigen Affären entsprechen. Wenn er bei der Chinesin Miao-Lin (Linh-Dam Pham) seine Piano-Lektionen nimmt, ersetzt er diese Fremdsteuerung durch Eigensteuerung. Er bestimmt über sich selbst, wenn er seine Finger wie „Rennpferde“ trainiert. Das Anliegen des Films würde vielleicht deutlicher, würde der Originaltitel mit ‚Vor lauter Schlagen setzte mein Herz aus‘ übersetzt. Denn am Klavier sucht Tom nach einem Ort oder einer Zeit des Innehaltens inmitten einer Welt, die gnadenlos vorwärtsdrängt. Darum ringt Tom. Wenn er in dem kleinen Studentenzimmer der Chinesin die Kontrolle über eine schwierige Partitur verliert, knurrt und heult er wie ein Wolf, der seine Zähne nicht tief genug in die Beute geschlagen hat. Den Zuschauer packt er aber umso fester. Andreas Günther
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