Match PointMatch Point GB 2005. B. und R: Woody Allen, K: Remi Adefarasin, Schn: Alisa Lepselter, Pr: Letty Aronson, Gareth Wiley, Lucy Darwin, M: Donizetti, Verdi, Webber, Rossini, Bizet, D: Scarlett Johansson, Jonathan Rhys Meyers, Emily Mortimer, Matthew Goode, Brian Cox, Penelope Wilton
Prokino, 29 Dezember 2005

Glücklich nach vorne gefallen

Das beste am neuen Woody Allen ist, daß er auch vom alten Altman stammen könnte. Das zweitbeste ist, dass Allen nicht selbst mitspielt, und auch sonst auf Woodyensien verzichtet. Kein Darsteller muß nervös überagieren, es fehlen die üblichen Geschlechtersottisen, die Bonmotintellektualität und das Dialogdurcheinander. "Match Point" ist dankenswert konzentriert auf seine Geschichte.

Die beginnt mit einem Tennisball, der an der Netzkante aufschlägt, in die Höhe steigt und dort im Bild einfriert. "Mit ein bißchen Glück fällt er nach vorn und man gewinnt. Oder vielleicht auch nicht, und man verliert" - spekuliert dazu eine Offstimme. Daß Glück wichtiger sei als Talent wird eine Reprise dieser Szene gegen Ende des Films auf maliziöse Art bestätigen und dabei den philosophisch wunden Punkt zwischen Freiheit und Notwendigkeit markieren: Wie, wenn der blanke Zufall alles bestimmte? Und änderte das überhaupt was?

Chris Wilton, des Erzähler, jedenfalls denkt, er habe sein Leben in die Hand genommen, als er das Racket aus derselben legt. Der smarte Ire bricht die Profilaufbahn ab, weil er nicht der Beste sein kann und beginnt als Tennislehrer in einem Londoner Snob-Club. Es folgt eine klassische Aufsteigergeschichte. Wilton freundet sich an mit Tom, einem Filius aus reichem Hause. Aus der Einladung in die Opernloge wird ein Jobangebot im Familienunternehmen und schließlich die Ankunft in der britischen Upper Class. Wilton heiratet Toms Schwester. Weitaus unspektakulärer als durch die chamäleonartigen Talente Mr. Ripleys oder die opportunistische Leidenschaft von Stendhals Julien Sorel verläuft diese Karriere. Wilton ist schnell, fleißig, bescheiden, charmant. All seine Fortune ist mit Sicherheit Kalkül, aber fraglos redlich verdient.

Nicht verdient ist die Leidenschaft zur amerikanischen Möchtegernactrice Nola, einer saisonalen Gespielin von Tom. Nicht verdient, weil es hier nicht um Verdienst gehen kann. Beim Tischtennis als der kleineren Spielform von Wiltons Profession erfolgt ihre erste Begegnung, das erste Kräftemessen in Sachen Hingabe. Die beiden, von Jonathan Rhys Meyers im Wechsel zwischen Beau und Brutalo, von Scarlett Johansson in jenem zwischen Mädchen und Vollweib gespielt, verfallen einander ab diesem Moment und für die Ewigkeit. Mehr zu erzählen nähme "Match Point" die Pointe.

Es macht Spaß zuzuschauen, wie geschmeidig, weil inszenatorisch relativ uneitel, Allen die anfängliche Oberschichtsfarce in ein dräuendes Melodram und weiter in einen Polizeikrimi überführt, alles unter der Patina altersbissiger Ironie, theatraler Settings, untermalt von Verdi-Arien. Von Talent zu sprechen erübrigt sich bei einem wie ihm. Vielleicht hatte er nach langer Zeit einfach mal wieder ein glückliches Händchen.

Urs Richter


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