 | | Workingman`s Death, Ö/D 2005. R+B: Miachael Glawogger, K: Wolfgang Thaler, M: John Zorn Bundesstart: 18.5.2006, Verleih: Real Fiction | | |
Mausefalle Dienstleistungsgesellschaft, Flexibilisierung, Ende des Industriezeitalters, Postfordismus, immaterielle Arbeit, Prekarisierung: Um die aktuellen Formen der Arbeit ranken sich viele Begriffe. Bilder, zumal bewegte, gibt es dazu nur wenige. Wären die neuen Formen ein Vorhang, dann würde sich Michael Glawogger („Megacities“) mit seiner Dokumentation „Workingman’s Death“ an dessen ausgefranstem Saum zu schaffen machen, dort, wo die schmuddelige Vergangenheit der Arbeit noch gegenwärtig ist. In fünf „Bildern“, angesiedelt in der Ukraine, in Indonesien, Nigeria, Pakistan und China, begibt sich der Österreicher auf die Suche nach körperlicher Schwerstarbeit, wie sie die globale Neuzusammensetzung der Arbeitskraft überdauert hat. Den Auftakt machen Bergarbeiter im Donbass, derjenigen Region der ehemaligen Sowjetunion, in der Aleksej Stachanov 1935 zum Helden der Arbeit gekürt wurde. Das „Helden“ betitelte erste Bild folgt einer Hand voll Arbeitsloser mit der 35mm-Kamera in die längst stillgelegten Minen, wo sie illegal Kohle fördern. Ausschnitte aus gestellten Dokumentationen der 30er Jahre, die Stachanov und Seinesgleichen glorifizieren, punktieren die trostlose Plackerei heute. „Mausefalle“, erzählt einer der Kumpel lakonisch, hätten ihre Großväter die nur 40 cm hohen Schächte genannt, in denen sie täglich herumrobben. „Wenn die Decke auch nur zehn Zentimeter absinkt, gute Nacht.“ Die grandiose Kamera von Wolfgang Thaler geht dicht heran, filmt ein ums andere Mal die eintönigen Verrichtungen der Arbeiter, sucht ungewöhnliche Perspektiven und lässt derart den Zuschauer Strapazen, Enge und Gefahr hautnah erleben. Auf diese extrem physischen Aufzeichnungen fällt kein Lichtstrahl aus den alten Industriefilmen. Die Bilder sind zwar häufig mit Genuss anzusehen, etwa, wenn im vierten Kapitel in Pakistan bei der Demontage ausrangierter Hochseeriesen gigantische Stahlteile in die Knie gehen. Doch sie sind weder ästhetisierend, noch werden sie durch einen Kommentar oder die Montage mit zusätzlicher Bedeutung versehen. Wo Eisenstein am Ende von „Streik“ Bilder von der Schlachtung eines Rinds mit Ansichten der zusammengeschossenen Arbeitermenge zusammenbringt und so eine pathetische Metapher produziert, scheint Glawogger in seinem auf einem Schlachtungsgelände in Nigeria angesiedelten dritten Kapitel sagen wollen: „Eine Schlachtung ist eine Schlachtung ist eine Schlachtung.“ Wieder und wieder, bis zur Grenze des Erträglichen, wird gezeigt, wie junge Männer auf längst von Blut getränktem Boden dem Vieh die Kehlen durchschneiden. Vielleicht gibt der Soundtrack von John Zorn den Drecksarbeiten einen Beat, den sie nicht haben. Seine den Originalton aufgreifenden Musik wirkt bisweilen irreal. Doch eine Feier des Surrealen ergibt das nicht. Seltsam beschönigend wirkt dagegen, was ein Stahlarbeiter in China über die Veränderungen seiner Tätigkeit zu sagen hat: Kraft allein reiche nicht aus, heute gehöre zur Arbeit an den Hochöfen auch Wissen. Der Epilog zeigt eine stillgelegte Zeche in Duisburg, die heute als Freizeitpark dient. „Workingman’s Death“ einen Schwanengesang der körperlichen Arbeit nennen zu wollen, wäre aber mit Sicherheit verfrüht. Christiane Müller-Lobeck
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