Bowling for ColumbineBowling for Columbine USA/Kanada/BRD 2002. B., R. und Pr: Michael Moore, Pr: Kathleen Glynn, Michael Donovan, Charles Bishop, Jim Czarnecki, Wolfram Tichy. Mit Marilyn Manson, Charlton Heston, Michael Moore.
Prokino, 21. November 2002

Charlton and Me

Der Dokumentarist Michael Moore serviert das intellektuelle Filetstück seines Films à la "South Park ": Alberne Zeichentrickfiguren mit albernen Stimmen durcheilen die Geschichte des amerikanischen weißen Mannes, von den Pilgrim Fathers zur National Rifle Association (NRA). Dabei illustrieren sie Moores "Theory of Fear ": Der weiße Amerikaner ist an erster Stelle ein angstgeplagter Amerikaner. Am Anfang ängstigten ihn Calvinisten, dann Rothäute, dann Büffel, dann Briten, dann Neger. Neuerdings hat er Angst vor bärtigen Muselmanen. Die Mittel, die der weiße Amerikaner gegen seine Angst besitzt, heißen Boston Tea Party, Recht auf Waffenbesitz, Ku Klux Klan und Charlton Heston. Letzterer ist Präsident der NRA, die in ihrem militanten Lobbyismus vier Millionen schwer armierte Mitglieder hinter sich weiß.

Das Comicformat gibt unschwer zu erkennen: Regisseur Moore liebt Vereinfachung. Polemik und guten Witz zieht er dem Argument vor. Angesichts des Wahnsinns, den seine Waffen-Dokumentation "Bowling for Columbine " dem tagtäglichen Amerika diagnostiziert, ist Humor womöglich die angemessene Reaktion. "More bang for buck " buhlt eine Bank um Kundschaft, zur Kontoeröffnung gibt's die Knarre gratis. Die passende Munition ist im Supermarkt erhältlich. Unverantwortlich seien keineswegs ihre paramilitärischen "Verteidigungsübungen ", sondern deren Kritiker, argumentieren große Jungs in Camouflage. "Wie sonst sollen wir unsere Familien schützen? "

Gerade Familien aber sind es, die am häufigsten Opfer der Schießwütigkeit werden. Die beiden Halbwüchsigen Dylan Klebold und Eric Harris exekutieren nach dem morgendlichen Ausflug zur Bowlingbahn zwölf Mitschüler und Lehrer an der Columbine High School und verletzen Dutzende weitere. Der öffentliche Reflex auf das Massaker ist typisch. Die Medien füttern die Sensationslust auf Voyeurismus, Mitleid, Gänsehaut, und in Gestalt von "Experten " macht die Moral Front: Schuld seien Videospiele, Horrorfilme, Actionhelden und die böseböse Rockmusik. So geht das, seit ein Bibelkränzchen Anno Dusemal Iron Maiden Platten rückwärts spielte und Satanische Verse erlauschte.

Anlass genug für Moore, sich über seine Mitbürger Gedanken zu machen. Dass in den Staaten die großflächige Verbreitung und leichte Zugänglichkeit aller möglichen Schießeisen nicht der einzige Grund für viele Tausend Morde pro Jahr sein kann, zeigt der statistische Vergleich mit Ländern wie Kanada und Australien. Dort wird genauso viel geballert, aber kaum auf Menschen. Dass die USA eine beispiellos brutale Populärkultur in die Barbarei treibt, widerlegt der Blick nach Japan. Die Mordrate dort liegt 217 mal tiefer als in den Staaten, obwohl die derbsten Horror- und Splatterphantasien in Fernost konsumiert werden. Was also steckt hinter dem Elan, mit dem sich ausgerechnet die Bürger des mächtigsten Landes der Welt gegenseitig ins Jenseits befördern?

Amerikas chronischer Rassismus, sein Sheriffgehabe, seine narzisstischen Psychosen haben, so Moore, in Form Aberhunderter Provinzsender ein unkontrolliertes Forum erhalten. Gewalt bringt Quote, Spitzenwerte erklimmen dabei die "Reality "-Formate: Sondereinsatz gegen (dunkelhäutige) Dealer, mit Cops auf Streife, etc. Entgegen dem faktischem Rückgang der Gewaltverbrechen im Land erzeugt die TV-geschürte Bedrohung nun Paranoia, die ihrerseits als Gewalt ausbricht. Ein Kreis schließt sich.

Es ist Moores Verdienst, diesen Kreis zu unterlaufen, ihn aus Perspektive der sozusagen Eingeschlossenen zu zeigen. Marilyn Manson, selbsternannter Schockrocker, wehrt ideologische Kritik an seiner Musik gelassen und einleuchtend ab. Zwei schwergeschädigte Überlebende des Columbine-Massakers zeigen ihre Einschussnarben den erbleichenden Pressesprechern jener Supermarktkette, die den Amokschützen Munition verkaufte. Perspektivloser White Trash erzählt freimütig vom Bombenbasteln nach Anleitung des "Anarchist's Cookbook ". Moore, in XXL Jeans, mit speckiger Brille und Mutterwitz, bringt alle zum Reden und weiß sich dabei wirkungsvoll als Stimmverstärker ins Bild zu setzen. (Der Jury in Cannes war das den diesjährigen Spezialpreis wert.)

Die - im Grunde eitle - Masche, sich dümmer zu geben, als er in Wirklichkeit ist, kulminiert im finalen Shootout des Regisseurs mit dem Gladiator der Waffenindustrie, mit Charlton "I'll give up my gun -- when they pry it from my cold, dead hands " Heston. Moore erschleicht sich einen Interviewtermin in dessen Privatbungalow, indem er sich als NRA Mitglied vorstellt (das er tatsächlich ist). Befragt nach seinen Empfindungen angesichts der Erschießung einer Sechsjährigen durch ihren gleichaltrigen Klassenkameraden, flüchtet der reichlich klapprige Heston aus den heimischen Wänden. Moores Hemdsärmeligkeit beschert ihm hier allenfalls eine billige Trophäe. Dass er dem Greis dann auch noch ein Photo des ermordeten Mädchens zur Mahnung in den Vorgarten stellt und sich selbst beim betroffenen Davontrollen filmt, gleicht der schleichenden Stimmungsmache, die sein Film anprangert. Wäre er doch offensiv polemisch geblieben.

Urs Richter


A propos "Stimmungsmache ":

Auch in dem Film, der ihn berühmt und reich gemacht hat, in "Roger & Me " (1989), bemisst Moore die eigene Arbeit mit durchaus tieferen ethischen Standards, als er sie andernorts gelten lässt. Damals richtete sich seine Promijagd auf Roger Smith, Präsident von General Motors. Den wollte er interviewen, nachdem eine GM Werksschließung in Michigan Tausende Menschen in Arbeitslosigkeit und Armut getrieben hatte. Zumindest stellt Moores Film diese Kausalität her. Später musste der Regisseur zugeben, die Chronologie der Ereignisse in seinem Sinne gefälscht zu haben.
Immerhin, der Mann provoziert in alle Richtungen.


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