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"Sind die tot?" "Nein, die schlafen nur" Frieder kriecht im Flur umher und legt Fliesen. Blaue und weiße, frei variiert. Ein trautes Heim soll es werden. “Mehr weiß?”, fragt er Nina. “Schön”, sagt sie, ohne zu schauen, und steigt über ihn hinweg. Frieder merkt in seinem ersatzkreativen Nestbautrieb nicht, daß er Nina langweilt. Daß sie vielleicht lieber in Berlin geblieben wäre, statt in die Provinz zu ziehen. Tochter Charlotte hätte dagegen lieber einen Teppich statt des weiß-blauen Mosaiks. Die paar Tage Urlaub, die sich Nina von ihrem Arztjob genommen hat, versprechen nicht sehr erfüllt zu werden. Am Montag kommen die Fenster dann tatsächlich. Aber die falschen. Das ist keine Tragödie. Die Tragödie ist, daß nichts eine Tragödie ist im Leben von Nina und Frieder. Nicht ihr Desinteresse, nicht seine verkrampfte Offenheit, das "linke" Gegenstück repressiver Toleranz: emanzipative Ignoranz - ein fernes Echo von “Sie haben Knut”, wo Hans-Jochen Wagner den Ingo spielte. Die Tragödie ist, genauer, daß Nina diese Tragödie vollkommen durchschaut, aber sowenig daraus ausbrechen kann wie ein Fisch aus dem Trockenen. Davon handelt Ulrich Köhlers zweiter Spielfilm, in langen, kunstvollen, schmerzhaft schönen Bildern der Leere. Er verfolgt das Thema seines Debüts “Bungalow” weiter: die transzendentale Obdachlosigkeit der Mittelklasse, nun aus der Sicht der unglücklich seßhaften 30er-Generation statt aus der wurstiger Teenager. Nina ist eine große Schwester des Deserteurs Paul, passiv aufbegehrend, von Isabell Menke zwanglos rätselhaft gespielt. Wieder, noch radikaler entfaltet sich die Geschichte in glasklaren Handlungsvektoren, die sich nicht aus psychologischen Muster erschließen, sondern erst durch genaues Zuschauen. “Du rauchst so, wie ein Nichtraucher denkt, daß Raucher rauchen” Unerwarteter Besuch bringt die Situation aus dem labilen Gleichgewicht: Ninas Bruder aus der Hauptstadt, auf der Flucht vor Frauenproblemen. Er zieht weiter ins “Haus”, das Feriendomizil ihrer Eltern im nahegelegenen Mittelgebirge. Nina büchst aus und folgt ihm. Als Frieder sie abholen will, sträubt sie sich teilnahmslos. “Findest du mich langweilig?”, fragt er. “Ja”. Frieder schnappt sich ein Fahrrad, wirft es ihr als Gegenbeweis vor die Füße und stapft davon. Wie unglaubwürdig diese Theatralik! Spätestens jetzt wird klar, warum Nina mit den Bewohnern ihrer Welt nichts anfangen kann. Sie sind unecht, spielen nur, reden in Floskeln, ohne es zu merken. Eine Wüste der Zitathaftigkeit. Das zeigt die Trotzreaktion des verlassenen Frieders nun fast karikaturhaft. Er schneidet sich die Mähne, trägt Anzug statt Pulli, geht mit seiner Ex ins Bett, raucht: Bloß nicht langweilig sein. Aber immer noch schlurft er schiefschultrig durch die Gegend. Der Mangel an Unmittelbarkeit geht bis in die Bilder. Köhlers Stil anti-auktorialer Beobachtung zielt nicht wie bei den Dardenne-Brüdern, die er mag, auf physische Direktheit. Vielmehr rahmen Patrick Orths kunstvoll komponierte Einstellungen Figuren und Orte wie Anführungszeichen. Die Bildmotive umgeben Nina mit einem Chiffrengestrüpp der Mittelmäßigkeit. Leuchtend rote Provinzsparkassensignets; ein vormals bonziges Kurhotel, ein grauer Riegel im Nadelwald, auf den als geschmackloser Werbegag eine gigantische Geschenkschleife gehievt wird. Die Kamera schreitet mit genau choreographierten Raumabzirkelungen die Gänge eines imaginären Verlieses ab. Nina geht im Norwegerpulli um das Hotel, in einer langen, L-förmigen Sequenz kommt sie auf eine Ecke des Gebäudes zu. Drinnen feiern Anzugmenschen ein unwirkliches Fest. Die Kamera fokussiert aber auf die Lichtreflexe auf der Fensterfront, wie überhaupt seit Ninas Ausbruch die Tiefenschärfe immer wieder gezielt verschwindet. “Alle beruhigen sich immer wieder” Dieser Ausbruch ist keine existentialistische Revolte. Dafür ist Nina zu schlau. Stattdessen spielt sie mit der Unwirklichkeit. Darin liegt ihre Freiheit. Im Hotel lernt sie einen rumänischen Tennis-Entertainer kennen, der für einen Auftritt bei der Anzugsparty engagiert war. Nina, die unbekleidet auf dem Bett liegt, gibt sich als Hure aus. Er durchschaut sie sofort. Er sei hier die Hure. Zwei Einsame, die die unentrinnbare Falschheit der Welt kennen, grüßen sich im Vorübergehen, statt eine dramatische Katharsis auszuagieren. Ein Aufstand gegen die Konvention wäre selber eine. Die Konsequenz ist beängstigend, albtraumwandlerisch automatisch. Nina kehrt zu Frieder zurück. Der Tod und das Leben prallen an dem geparkten Auto ab, in dem die beiden in der Schlußszene unbeholfenen Sex machen, während nebenan der Nachbarsjunge beerdigt wird. Nina schaut dem schnaufenden Frieder schmunzelnd über die Schulter. Alles ist in der Schwebe zwischen Glück und Wiederholung. In der subtilen Offenheit dieses Ausgangs, einer leisen Reprise des Endes von “Bungalow”, heben sich die dramaturgischen Vektoren auf. Anders als Paul aus “Bungalow” versteht Nina, woran sie leidet. Aber sie zahlt auch dafür. Jakob Hesler
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