 | | Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler, BRD 2007, 89 min. R + B: Daniel Levy, M: Niki Reiser, K: Carl-Friedrich Koschnick, Carsten Thiele, Schn: Peter R. Adam, D: Helge Schneider, Ulrich Mühe, Sylvester Groth, Adriana Altaras, Stefan Kurt, Ulrich Noethen Start: 11.1.2007, Verleih: Warner Bros / X-Verleih | | |
Noch ein Untergang Eine Woche vor dem Start von „Mein Führer“ ist die Stimmung mies. Kritiker gehen in Interviews mit Levy ins Gericht, und man ist fast schon erleichtert: Nach der allgemeinen Lobhudelei von Eichingers „Untergang“ wird dieser matte, mutlose Komödienversuch wenigstens nicht auch noch zum Meilenstein der Vergangenheitsbewältigung hochgejubelt. Nachdem Hauptdarsteller Helge Schneider sich von dem Film distanziert hat, hat Levy ausgepackt: Es gab eine Probevorführung, in der 400 Zuschauer entsetzt auf den Film reagiert hätten. Sie hätten das Gefühl gehabt, „Hitler sei die Stimme des Films“, so Levy. Daraufhin habe er den Film umgeschnitten, die Geschichte aus Sicht des Juden Adolf Grünbaum erzählt. Möglicherweise hatte Levy wirklich etwas Mutiges vor. Ob dieser Mut belohnt worden wäre, oder ob es sich lediglich um eine Schnapsidee handelte, man weiß es nicht. Der hauptsächliche Eindruck, den die jetzige Kinofassung von „Mein Führer“ hinterlässt, ist jedenfalls Enttäuschung über die Einfallslosigkeit des ganzen Projekts. Der Film ist um wenige, kaum überraschende Clous herum gebaut: Der jüdische Schauspielstar Adolf Grünbaum wird aus dem KZ geholt, um den gebrochenen Hitler auf eine letzte große Rede vorzubereiten, die das Volk noch einmal motivieren soll. Es kommt zu einer fast intimen Beziehung zwischen Hitler und dem, den der Diktator bald „meinen Juden“ nennt. Hitler entpuppt sich als armes Kerlchen, der die Welt tyrannisiert, weil er von seinem Vater geschlagen und missachtet wurde (Levy bezieht sich hier nach eigener Aussage auf das nicht gerade unumstrittene Buch „Am Anfang war Erziehung“ der Psychologin Alice Miller). Und Grünbaum fängt an, die Nähe zu Hitler zu genießen und sich von der eigenen, zunehmenden Macht verführen zu lassen. Am Ende verliert Hitler die Stimme, Grünbaum muss ihm seine leihen und hält eine eigene Rede, die im Aufruf an das Volk gipfelt, sich selbst zu heilen. Kann der Höhepunkt eines Films als Hommage verstanden werden kann, oder hat Levy schlicht die Idee zu einem eigenen Ende gefehlt? Auch bei Chaplins „Der große Diktator“ hält am Schluss der jüdische Friseur in Hitlers Uniform eine aufrührende Rede für Menschlichkeit. Damals gab es noch die Hoffnung, dass Hitlers Wahnsinn an sich selbst scheitern würde, und nicht an den Alliierten. Bei Levy lässt sich die Rede als ein „Nie wieder!“ verstehen, das mit Alice Miller im Rücken erschreckend naiv daher kommt. Als müssten wir nur alle unsere Kinderstuben und Oberstübchen aufräumen und es gäbe nie wieder Faschismus. Levy hätte doch seinem Arsenal an Nazikasperlefiguren (Goebbels als schleimiger PR-Manager, Himmler mit eingegipstem Arm in Dauer-Heil-Hitler-Stellung) wenigstens noch einen der Industriellen auftreten lassen können, die die Vernichtungsmaschinerie mit angestoßen und am Laufen gehalten haben. Im Abspann dann eine Straßenumfrage, wer Adolf Hitler war. Die Älteren wissen es, sie geben trotzdem zum Teil krude Antworten. Viele Jüngere wissen es nicht mehr, oder vielleicht auch noch nicht. Was gar nicht so uninteressant anzusehen ist, wirkt doch hier wie eine Krücke, die der Film zur eigenen Rettung hinterher schiebt, indem er sagt: Seht her, ich stehe doch im Dienste einer guten Sache. Darüber hinaus ist die Umfrage ein Mittel des Fernsehens und völlig unfilmisch. Ein Film, der für sich selbst stehen kann, hätte das nicht nötig. „Mein Führer“ muss insofern als Antwort auf Eichingers/Hirschbiegels „Untergang“ verstanden werden, als auch er es wagt, Hitler selbst darzustellen. Zwar hat das auch Chaplin schon getan, er hatte aber natürlich einen ungleich größeren Abstand zu ihm. Und Lubitsch gewinnt in „Sein oder Nichtsein“ allen Humor aus der Hitler-Darstellung eines schwulen Schmierenkomödianten. Nun machte die Besetzung mit ausgerechnet Helge Schneider als Adolf Hitler einen Großteil der Spannung aus, mit der „Mein Führer“ erwartet wurde. Dort Iffland-Ring-Träger Bruno Ganz, hier Helge Schneider. Eigentlich großartig, klingt nach großem Wurf. Warum aber musste Schneider dann so unkenntlich, zur Gummipuppe gemacht werden? Schneiders Mimik ist völlig verschwunden, dabei hätte man einen Helge-Schneider-Hitler doch gerne in seinem Helge-Schneider-Gesicht gesehen und sich womöglich totgelacht. Dani Levy hat nichts gewagt und alles verloren. Man möchte daran erinnern, dass die New York Times sich zum Filmstart von Ernst Lubitschs „Sein oder Nichtsein“ 1942 gewundert hat: „Mr. Lubitsch had an odd sense of humor when he made this film. (…) One has the strange feeling that Mr. Lubitsch is a Nero, fiddling while Rome burns.“ Vielleicht ist es ja genau das, was eine gute Komödie ausmacht.
Dirk Schneider
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