 | | Songs from the Second Floor, Schweden/F/DK 2000, 98 Min. Regie & Drehbuch: Roy Andersson, Produzent: Philippe Bober, Kamera: Istvan Borbas, Jesper Klevenas, Musik: Benny Andersson, Darsteller: Lars Nordh, Stefan Larsson, Tommy Johansson, Lucio Vucina, Hasse Söderholm, u.a. Rapid Eye Movies, 18. April 2002 | | |
Albtraum in Moll In der Beschreibung der Welt als Kaleidoskop von Zynismen, im gegeneinander Ausspielen der Glaubensmodelle Religion, Politik, Humanismus und Marktwirtschaft, in der Infragestellung sowohl konservativer wie auch moderner Werte, durch seine brachialen Metaphern des Wahnsinns und durch seine depressive Zeichnung einer fatalistischen Welt, ist dieser Film ein einziges Plädoyer für die Liebe. "Alles hat seine Zeit. Die Pyramiden hatten ihre. Und auch Dampfmaschinen hatten die ihre. Auch dieses Unternehmen hat seine Zeit. Wenn die Zeit gekommen ist, da die Katastrophe hereinbricht, werde ich lange schon fort sein. Und das solltest du auch, Pelle." Der Manager zu seiner rechten Hand, Pelle, im Golfclub. Als sich meine Freundin in immer kürzeren Abständen mit diesem anderen traf, fiel mir das zwar auf, aber ich war so fest von dem Wir überzeugt, daß ich keine Sekunde gezweifelt habe. Im Gegenteil, ich verspürte so etwas wie Freude darüber, daß es ihr gut ging. "Jesus war ein netter Kerl. Er war nicht Gottes Sohn. Weißt du, warum sie ihn gekreuzigt haben? Weil er ein netter Mensch war. Sie haben ihn zu Tode gequält, weil er ein netter Mensch war." Der Philosoph zum Dichter, in der Psychiatrie. Als ich diese Frau kennenlernte, erinnerte mich das daran, wie das mit dem Verlieben passiert. Gleichzeitig hatte ich dieses Gefühl, das sich am Ende dieses Abends in jenem berühmten Satz aus "Casablanca" in meinem Kopf formulierte: Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein. "Wenn du so viele Bücher gelesen hast, wie die alten Menschen, wirst du vor allem eines gelernt haben: Was unmöglich ist." Die Mutter zu ihrer kleinen Tochter in einem Salon des Grand Hotel, bevor sie sie opfern wird. Im Steinbruch wird sie sie im Opferritual von der Klippe stoßen. Als sich meine Freundin mit mir verabredete, hatte ich schon ein komisches Gefühl. Als sie mir dann beim Spazierengehen im Park erzählte, sie habe sich verliebt, war es, als ob ich in einer undurchdringlichen Glasglocke gefangen sei. Ich war bewußtlos, machtlos. Körperlose Transformation. "Alles hat seine Zeit. Auch deine Zeit wird kommen. Es ist nicht so, daß die Leute Poesie nicht mögen. Sie tun nur so, als ob. Aber das wird sich ändern. Ich weiß, daß es so ist. Deine Zeit wird kommen." Thomas zu seinem Bruder, dem Dichter, in der Psychiatrie. Tatsächlich, das gibt es: sich wortlos verstehen. Aber das ist noch nicht Liebe. "Wir haben die Blüte der Jugend geopfert. Was können wir noch tun?" Der kotzende Clown im Grand Hotel, nach der Opferung des jungen Mädchens. Alles oder nichts opfern. Keines davon ist leicht. Dazwischen ist die Hölle. Die, die wir hier und überall sehen. Nichts opfern ist konsequent, ist Erfolg, ist gewissenlos (Der Geschäftsmann, der zum Millenium den gekreuzigten Jesus verhökert). Alles opfern ist sinnlos, ohne Zweck, die reine Muse (Der verstummte Dichter in der Psychiatrie). "Das Leben ist ein Markt. Jeder weiß das, nur du willst es nicht verstehen." Der Vater des Dichters. Theatraler Film. Der Film nähert sich auf filmische, nicht auf theatrale Art dem Theater an. Nicht die Länge der Einstellungen, nicht das Ausspielen der Szenen erzeugen diese faszinierende Mischung von Nähe und Distanz, sondern die theatrale Inszenierung der Bilderfolgen: die Rhythmisierung des Erzählten und dessen Synchronisierung durch die Musik, das körperbetonte, gestische Spiel und die kanonischen Wiederholungen der immer gleichen Parolen. "Beloved be the one who sits down." "Does anyone know how to get out of here?" "Beloved be the one who sleeps on his back." "What more can we do?" Die "Songs from the Second Floor" sind Klagelieder. Und gerade deswegen auch Liebeslieder: Wenn Thomas, der Bruder des Dichters und seine Freundin in einer weiteren, scheinbar unvermittelten Szene symbolisch symbiotisch auf einer Blockflöte den einen "Song" spielen, ist das bei aller inszenatorischen Beiläufigkeit Hoffnungsschimmer und Schlüsselszene am düsteren Firmament dieser zynischen kalten Welt. Achim Wiegand Apropos "Songs from the Second Floor": Im Interview auf thecontext.com erzählt Roy Andersson, wie er nach 20 Jahren Werbung die Energie haben konnte, seinen dritten Spielfilm zu realisieren. Und was er im gegenwärtigen Kino vermisst. Benny Andersson, der ex ABBA-Musiker, komponierte nach mehreren Musicals (u.a. "Chess") die lakonisch-melancholische Musik zu "Songs from the Second Floor". Seine biografischen Eckdaten sind auf der offiziellen ABBA-Seite nachzulesen.
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