 | | Suzhou River, China/Deutschland 2000. 83 Min. R&B: Lou Ye, K: Wang Yu, S: Karl Riedl, M:Jörg Lemberg, P: Nai An, Philippe Bober, D: Zhou Xun (Moudan/Meimei), Jia Hongsheng (Mardar Jia), Nai An (Xiao Hong), Yao Anlian (Boss), Hua Zhongkai (Lao B.), Lou Ye (Ich-Erzähler). X-Verleih, 27. September 2001 | | |
Und täglich grüßt die Meerjungfrau "Das Rohmaterial des Videofilmers ist die Geschichte im strengen Sinn: die Linie der Szenen. Er agiert also nicht nur in der Geschichte, sondern wirkt auch auf sie ein. In diesem Sinn ist seine Geste nachgeschichtlich. Sein Interesse zielt nicht nur darauf ab, das Ereignis zu besingen (geschichtliches Engagement), sondern ebenso darauf, unterschiedliche Ereignisse zu komponieren (nachgeschichtliches Engagement)." (Vilém Flusser, Gesten) Am Anfang war das menschliche Auge. Sehen, und nicht Verstehen. Und daher der Mythos. 'Suzhou River' erzählt uns vom Mythos der Meerjungfrau, die manch einer schon am Flussufer gesehen haben will. Und von der großen Anonymität, die der Fluss bedeutungsvoll widerspiegelt - die Brücke, von der sich schon manch einer geschmissen hat, absichtsvoll im Blick. Film als posthistorischer Mythos, als posthistorisches Erklärungsmodell. Sehen, um zu Verstehen. Man sieht ihn nicht, er sieht, und der Zuschauer sieht durch ihn hindurch die Welt wie durch das Kameraauge. Er ist angekommen im digitalen Universum. In einer Welt, in der das Nicht-Sichtbare und das Zweifelhafte die Stars sind. Gefangen in der absurden Hoffnung, mit der Kamera das einfangen zu können, was mit dem Auge nicht zu sehen ist, etwas Wesentliches im Sichtbaren. Mecki Messer läßt grüßen. Ohne Namen, ohne Gesicht - er ist der Mann mit der Kamera. Lou Ye läßt sein alter ego die Geschichten vom Fluss, der Menschen am Fluss, und sehr bald auch seiner Phantasie erzählen. Lässt ihn erzählen, dass er Geschichtenerzähler ist. Subtext equals text. Theatrale Doppelung. Bis sich ein Handlungsstrang anhand seiner eigenen Geschichte herauszubilden beginnt. In Shanghais Unterwelt verdingt sich der namenlose Ich-Erzähler als Profi-Voyeur. 'Videofilme aller Art' und seine Scall-Nummer stehen auf der Schablone, mit der er sein spätkapitalistisches nametag an Brückenpfeiler und Betonwände sprayt. Aus dem Off erklärt er sein Prostituiertendasein: Bezahlt wird nach Aufnahmedauer - und Cash, im voraus. So landet er in einem Nachtclub, in dem er die Meerjungfrauen-Nummer der GoGo-Tänzerin Meimei filmen soll und sich verliebt. Ihr wollt ein Liebeslied, ihr kriegt ein Liebeslied. Einige Monate später trifft das namenlose Kamera-Ich in eben jenem Nachtclub, in dem er seine Prinzessin (Meimei) gefunden hat, Mardar. Der ist frisch aus dem Knast. War Motorrad-Kurier, und mußte auf die 16jährige Moudan aufpassen wie auf ein Haustier, wenn der Vater ungestört sein wollte. Bis sie sich in ihn verliebt, und er sie verraten hat. Und ist sie gesprungen. Damals. Das erzählt Mardar dem Kamera-Ich und die Filmbilder dem Zuschauer jetzt, zwei Jahre später. Und plötzlich lautet die Beziehungsformel in 'Suzhou River' nicht mehr 'Das Kamera-Ich + Meimei', sondern 'Das Kamera-Ich/Mardar + Meimei/Moudan'. Völlig analog werden die Figuren ineinander gemorpht. Denn ab hier bricht das Filmbild weg von Lou Ye's alter ego, Mardars Geschichte und seine wechseln sich ab und treffen doch immer wieder aufeinander, ineinander. Mardar ist auf der verzweifelten Suche nach Moudan, und in Meimei glaubt er sie zu sehen. Daß Meimei tatsächlich identisch mit Moudan ist, scheint auch immer wahrscheinlicher. Die Indizien häufen sich, bis hin zum Rubbeltatoo auf ihrem Oberschenkel. Dass beide, Moudan und Meimei, von der selben Schauspielerin gespielt werden (Zhou Xun), kann man sich denken, das spielt aber keine Rolle. Zu tief ist der Geschichten- und Emotionsteppich bereits gewoben. Auch scheint Mardars Suche nach Moudan immer ähnlicher der Suche des Namenlosen zu Beginn des Films. Der hatte Meimei schon am Fluss beobachtet und war ihr auf der Spur, bevor er sie im Nachtclub gefilmt hat. Oder war es doch dannach? Mardar findet Mousan am Ende des Films unvermittelt in einem Drugstore am Rande der Stadt. Wo warst Du? Wie hast Du überlebt? Diese Fragen tauchen nicht auf. Die Informationsbrocken scheinen lustig verstreut, die Linearität der Handlung mehrfach gebrochen zu sein, und doch ergibt sich eine durchgehende Plot-Linie. Wer ist wer? Und was ist wirklich passiert? Ein Minimum an Auflösung gönnt Lou Ye dem Zuschauer, aber vor allem ein Maximum an Spekulationsraum. Das gute an Mythen ist ja, daß sie einfach behaupten, und daß sie anders als Märchen nicht direkt auf eine Moral abzielen, sie erzählen eben eine Geschichte, sie sagen: Das ist so. Und in diesem Sinn ist 'Suzhou River' trotz aller Kryptik ein gelungener moderner Mythos. Das, was die Anfangsgrammatik von 'Suzhou River' dagegen verspricht - Film als Versuch, zu Erklären, als Suche, als Essay - wird nicht eingelöst. Eher werden konstruierte Rätsel mit auf den Weg gegeben. Achim Wiegand A propos "Vilém Flusser": Die Kunsthochschule für Medien beherbergt das Vilém Flusser Archiv, das auch ein paar Textproben des Philosophen bereithält, die einzigen offiziellen im Netz.
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