Sein BruderSein Bruder (Son Frère), Fr.2003. R: Patrice Chéreau, B: Patrice Chéreau, Anne-Louise Trividic nach einer Geschichte von Philippe Besson, K: Eric Gautier, Irina Lubtchansky, Schn: Francois Gédigier, Simon Jacquet, Pr: ARTE, D: Bruno Todeschini, Eric Caravaca, Nathalie Boutefeu, Antoinette Moya, Fred Ulysse
Concorde, 6. November 2003

Bei Westwind dort, bei Südwind dort drüben

Ein alter Mann und zwei Enddreißiger sitzen auf einer Bank am Meer, in Wollpullis gegen den schon kühlen Wind, wischen den Salzgeschmack von den Lippen, blinzeln ins diesige Halbwetter, hören die Dünung und plaudern. Eigentlich eine Szene voll Gelassenheit und unverbindlicher Sehnsucht, mit der Patrice Chéreaus „Sein Bruder“ ohne Titelvorspann beginnt. Der Alte jedoch deutet auf Strandabschnitte, an denen beizeiten Leichen angeschwemmt werden, bei Westwind dort, bei Südwind dort drüben.

Die Beklemmung beginnt bereits früher, mit der Kameraführung. Chéreau filmt das sonderbare Gespräch aus nur drei Positionen, springt in spitzen Winkeln, porträtnah und nachgerade hektisch um seine Darsteller herum, zerhackt das gemächliche Rumsitzen und gleichmütige Kommen und Gehen der Wolken und Wellen. Als ob die Zeit drängt. Ein entspannter Tag am Meer sieht anders aus.

Die formale Beengung und Atemlosigkeit wird im Folgenden begründet. In Monatskapiteln von Februar bis August blickt der Film zurück auf das Sterben von Thomas, der an einer seltenen Krankheit leidet. Seine Blut verliert die Fähigkeit zu gerinnen, er wird zunehmend empfindlicher, eine kleine Verletzung kann ihn töten. Mit dem Laufe des Films wird sein Körper immer gebrechlicher.

Thomas Charakter aber steht in schroffem Gegensatz zu dem seiner Krankheit. Verhärtet und stolz überwindet er sich nur schwer, seinen jüngeren Bruder Luc um Hilfe zu bitten, vor seiner Freundin Schwäche zu zeigen, die Eltern nach langer Zeit wieder zu treffen. Eine Läuterung ist das nicht. Chéreau synchronisiert die Auflösung des Lebenswillens und die des Körpers nicht. Sterben ist hier eine bittere Angelegenheit ohne tröstenden Sinn. Es wird zwar die zwei Brüder einander näher bringen, aber in größte Einsamkeit entlassen.

Die existenzialistische Grundierung des Films kann einem ein bisschen auf die Senkel gehen. Wohin Chéreau blickt, überall hängende Köpfe, gescheiterte Beziehungen. Luc und sein Liebhaber bieten sich freudlose Erregungsversuche, Thomas Freundin wartet nur darauf, von ihm fortgeschickt zu werden. Als sei ein Naturgesetz, dass der Mensch nicht zum Mensch kommt. Im Vorgängerfilm „Intimacy“ ließ Chéreau noch zwei Fremde per Sex die Entgrenzung des Körpers erproben - und scheitern. Hier nun wird an einem einzigen Körper die Entfremdung vorgeführt. Nicht einmal uns selbst scheinen wir beisammen halten zu können. Sie wisse auch nicht, ob es nützt, diagnostiziert die Ärztin und entfernt Thomas die Milz.

Und weil auch Chéreau weiß, dass es nichts nützt, durchleuchtet er seine Figuren gar nicht erst. Ihre wenigen Dialoge erklären wenig, alles Tiefliegende zeigt sich wenn, dann in Oberflächen, Gesten, Blicken, Berührungen. In sehenswerter Unmittelbarkeit nimmt Chéreau deren Abdruck, zieht den Darstellern mittels der Digitalkamera buchstäblich die Pelle ab. Gleichzeitig Qual und merkwürdige Ruhe erzeugt die minutenlang ausgespielte Pietà-Szene, in der zwei Krankenschwestern Thomas für die Operation vorbereiten. Routiniert surren die Haarschneidemaschinen über seinen Körper, schäumt die Gilettedose, ziehen Rasierklingen über fahle Haut. Die Kamera hat ihre Atemlosigkeit abgelegt. Jetzt kann sie nur noch schauen.

Urs Richter


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