Felicias Journey
Atom Egoyan, Kanada/UK 1999

William Shakespeare experimentiert mit Sigmund Freud in Alfred Bioleks TV-Küche. Für würzige Noten sorgt Herr Baudrillard. So ähnlich muß das weltanschauliche Süppchen zu Stande gekommen sein, in dem der Film "Felicia's Journey" gar gezogen ist. Der Regisseur Atom Egoyan serviert uns einen Ödipalbraten mit Romeo und Julia-Kruste in schaumgerührtem Medialsoufflé. Als Cross-Over Koch hat Egoyan sich bereits an diversen anderen Filmen versucht, zum Teil geschmackvoll wie an 'Calendar' (1993), zum Teil gänzlich unverdaubar, etwa an der Voyeurismusparabel 'Exotica' (1994). 'Felicia's Journey' nun ist zumindest schwer genießbar.

Eine 14 jährige Irin wird schwanger von ihrem Freund sitzen gelassen. Der flüchtet nach England, in die Armee. Im konservativen Gälennest, aus dem beide stammen, ein unverzeihliches Sakrileg. Auch sie wird verstoßen und sucht ihn, erfolglos, mittellos. Ein freundlicher, introvertierter älterer Herr bietet seine Hilfe an. Fährt sie durch die Gegend, finanziert Kost und Logis, nimmt sie schließlich bei sich auf. Am Ende versucht er, sie umzubringen. Als neues Opfer in einer langen Kette. Er ist ein Serienmörder.

Womöglich ist die Story interessant. Allein, Egoyan hat ihre Inszenierung überlastet mit einer Unzahl Motive, die aus den Figuren eine Art wandelnde Platzhalter werden lassen für zwei prominente Schlagwörter der Gesellschafts- und Subjektanalyse: "Entfremdung" und "Zwangsneurose". Die buchstabieren sich bei Egoyan dann beispielsweise so: Die Mutter des netten Mörders, er heißt Hilditch, war in den 50ern eine Köchin im britischen TV. Innerhalb der englischen Küche müssen die vorgestellten Leckerbissen mindestens so sexy gewirkt haben, wie das tiefgeschnittene Dekolleté und der französische Akzent der virtuellen Gastgeberin. Eine erdrückende Überfrau also. Hilditch hat all diese Sendungen archiviert und kocht Abend für Abend vor laufendem Video seiner Mutter nach. Manchmal sieht er sich selbst im Bildrand: ein Pummel, der unbeachtet im mütterlichen Kräutergarten im Wege steht und von Mama höchstens herbeigerufen wird, wenn es gilt, eklige Innereien vorzukosten. Damals wie heute muß Hilditch dann auf der Stelle kotzen.

Hilditch besitzt eine weitere Obsession. Er sammelt junge, verzweifelte Mädchen auf der Straße ein, macht sich ihre Notsituationen zu Nutze, filmt sie heimlich mit seiner Videokamera, läßt sie ihre Ohnmacht eingestehen, sich zum väterlichen Freund ernennen und betüddelt diese Mädchen in einem finalen Akt des Kontrollwahns zu Tode. Die Aufnahmen dieser Zufallsbekanntschaften kommen korrekt beschriftet neben die Bänder von Mama.

Wir ahnen, irgendwie soll hier zwischen allem und jedem eine Kausalverbindung bestehen. Irgendwie hat Mamas Kaltschnäuzigkeit zu tun mit Hilditchs eifersüchtigen Besitzvorstellungen - kleptoman ist er übrigens auch. Irgendwie sind das Mädchen und Hilditch in einer vergleichbaren Situation: Sie ist Opfer einer gesellschaftlichen, er ist Opfer einer psychologischen Tyrannei. Und irgendwie bilden Medien die Matrix dieser Tyranis.

Um die womöglich fließenden Übergänge zwischen gesellschaftlich akzeptierter und tatsächlich pathologischer Perversion zu illustrieren, hätte es aber weitaus größerer Subtilität bedurft, als Egoyan sie aufbringt. Dem Film merkt man in jeder Minute an, daß er sich nicht von seiner Romanvorlage hat lösen können. Die Bilder, die der Regisseur zur Visualisierung komplexer Gemütszustände mobilisiert, sind so peinlich überzogen, wie Alfi-Bioleksche Begeisterung - in seiner TV Küche.

Urs Richter



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