Der Flug des PhoenixDer Flug des Phoenix (The Flight of the Phoenix), USA 2004.R: John Moore, B: Scott Frank, Edward Burns n. d. D. von Lukas Heller, K.: Brendan Galvin, Schn.: Don Zimmerman, Pr.: William Aldrich, D: Dennis Quaid, Giovanni Ribisi, Miranda Otto
Verleih: Twentieth Century Fox; Bundesstart: 7. Juli 2005

Die Erzählkisten fliegen nicht mehr

Ein schönes Bild hat die Neuverfilmung des Klassikers „Der Flug des Phönix“ dem Original voraus. Das primitive Flugobjekt, das die Überlebenden einer Notlandung in der Wüste Gobi aus den Wrackteilen ihres zerborstenen Flugzeugs bauen, ist fast fertig, da kommt ein Sandsturm. Der seltsame, zusammengebastelte Blechvogel, benannt nach dem aus der Asche auferstandenen Feuervogel der griechischen Mythologie, quietscht, ruckelt, scheint zu krächzen. Die Tragflächen bewegen sich. Keine Krafteinwirkung des Sandsturms sieht man darin paradoxerweise, sondern magische Regungen, sich in die Lüfte erheben zu wollen – hervorgerufen von denen, die dieses Monstrum mit dem Mut der Verzweiflung geschaffen haben. Der erzielte Effekt ist mehr als ein Triumph der Phantasie über den Eindruck faktischer Naturgewalt – der Anteil an wahnhafter Einbildungskraft, der jedem absoluten Überlebenswillen innewohnt, teilt sich darin unmittelbar mit.

Trotz dieser Überraschung durfte niemand damit rechnen, daß das Remake das Original von 1965 übertreffen konnte. In den fünfziger Jahren mit nihilistischen Dekonstruktionen des Western („Vera Cruz“, 1954) und des film noir („Rattennest“, 1955) bei den „Cahiers“-Kritikern und späteren „Nouvelle Vague“-Filmern zu transatlantischem Ruhm gekommen, war der damalige Regisseur und Produzent Robert Aldrich durch seine Erfolge seit Anfang der Sechziger finanziell unabhängig und hatte für „Flug des Phönix“ völlig freie Hand. Die Besetzung liest sich deshalb wie ein Auszug aus dem Who´s Who der damaligen männlichen Hollywood-Prominenz: James Stewart, Hardy Krüger, Richard Attenborough, Peter Finch, Dan Druyea, George Kennedy, Ernest Borgnine...

„Flug des Phönix“, die Geschichte von der Notlandung in der nordafrikanischen Wüste, wurde ein Kammerspiel unter dem fiebrigen Auge des Sonnengotts. Die Sanddünen – eine Bühne mit dem Wrack eines Propellerflugzeugs als Kulisse für Mannschaft und Passagiere. Die Antagonisten: Towns (James Stewart), ein Pilot aus alter Schule, der auf seine Erfahrung vertraut, aber keine Idee hat, wie man aus dem Schlamassel wieder herauskommt. Und Dorfmann (Hardy Krüger), ein deutscher Technokrat , der sich als Designer von Flugzeugen vorstellt und aus den Wrackteilen ein neues Flugzeug bauen will, aber nicht miterzählt, dass er bisher nur Modellflugzeuge konstruiert hat. Die Wüste – ein Fegefeuer. Wer überleben will, muss seinen Sünden abschwören. Das heißt hier: Der perversen Lust am Befehlen und Gehorchen. Der körperlichen Liebe. Dem Anspruch auf Autorität. Den humanistischen Idealen. Der Überlegenheit des Wissenden. Das ist eher Nietzsche als Dante. Doch ohne Übermenschen-Pathos, trotz des klischeehaft blonden Deutschen. Denn die grandiosen Darsteller machen uns das Geschenk der Verletzlichkeit der Figuren dieses Dramas. Mit Pusteln auf den staubrissigen Gesichtern. Mit erlahmten Zungen. Mit erschlafften, auf Zeitlupentempo entschleunigten Bewegungen. Die schwindenden Kräfte lassen zusammenschrumpfen. Aber nicht auf die authentische Existenz, sondern auf den produktiven Wahn, sich selbst retten zu können durch den Akt der Neuschöpfung.

Was trieb die Nachkommenden dazu, diesen genialen Überflieger des Abenteuerkinos in seine Bestandteile zerlegen und neu zusammenflicken zu wollen ? Sicherlich der Wunsch nach kommerziellem Recycling. Einer der Produzenten ist Robert Aldrichs Sohn William, der im Original eine winzige Nebenrolle hatte und schon mit dem Verkauf der Filmrechte an „Der Himmel über der Wüste“ an Bernardo Bertolucci einen Teil des väterlichen Erbes verhökert hat. An der Wiege des neuen „Flug des Phönix“ standen unübersehbar die Spezialisten des Film-Marketings. Was dabei herauskam, haben Towns und Dorfman in gewisser Hinsicht vorausgesehen, als wäre die erste Version des „Flug des Phönix“ eine Allegorie auf den Verfall der Traumfabrik und ihrer zweifelhaften Wiederauferstehung aus dem Geiste des Big Business. Die Rechenschieber und Computer werden die Welt beherrschen, schwant Towns. Ein Spielzeugflugzeug wird aufgezogen und rollt über den Boden, erläutert Dorfmann den Unterschied zwischen Spielzeugflugzeug und Modellflugzeug.

Eine schnurrende, leerlaufende Mechanik, entwickelt von Zielgruppen-Kalkulatoren – damit will der neue „Flug des Phönix“ abheben. Die Arithmetik des Erfolgs richtet sich dabei nach drei Gesetzen. Das erste ist das der „political correctness“. Verlegung des Schauplatzes in die innere Mongolei. Fein säuberliche Abbildung der ethnischen Zusammensetzung der Vereinigten Staaten. Kein Deutscher (was sollte das auch sein ?), sondern ein Brite in der Rolle des Außenseiters. Eine Frau darf dabei sein, aber, bitte, eine harmlose, depotenziert durch den Misserfolg, als Leiterin einer Bohrstation kein Öl gefunden zu haben. Geschielt wird auf die so genannte Unterschicht: Die Gestrandeten definieren sich als Deklassierte, das mangelnde Interesse an ihrer Rettung erklärt sich daraus, dass sie Überzählige des Weltkapitals sind. Das zweite Gesetz: Spaßgesellschaft und Erlebniskultur. Nach dem Fegefeuer nun Club Med. Oder Camel Trophy Tour. Oder „Big Brother“. Oder „Loft“. Mit Musik geht die Plackerei am Flieger ganz leicht von der Hand. Der Lötkolben ist ein prima Zigarettenanzünder. Schulterklopfen, Give-me-five. Alle haben sich schrecklich gern. Bitten einander dauernd um Verzeihung. Zwei wollen heiraten. Hin und wieder eine Ruckrede, damit´s weitergeht: Jetzt müssen wir aber mal. Im Abspann Polaroids als Grußbotschaften des Glücks nach der Rettung. Drittes Gesetz: Playstation-Dramaturgie, Tribut an die Generation, die es nicht auf den Sitzen hält, wenn´s nicht dauernd zischt und wummt. Diebische Nomaden zum Über-den-Haufen-Ballern kommen da gerade recht. Deren Blut ist billig, insbesondere im Kino. Die Pistolenmündung muß aber auch an die Schläfe eines Mitglieds der eigenen Gruppe gedrückt werden dürfen – nur so zur Abwechslung. Das Elend des unbedarften Zynismus.

Als Robert Aldrich 1983 fast vergessen starb, verlor Hollywood einen rebellischen und routinierten Virtuosen, der genau wußte, wann und wie er die Krawallmaschine des Blockbusters zu bedienen hatte wie im „Dreckigen Dutzend“ (1967). Aber auch, wann und wie die leisen Töne des Kammerspiels anzuschlagen waren – wie in „Was geschah mit Baby Jane?“ (1962) und eben im „Flug des Phönix“. Aldrichs Epigonen wissen es nicht mehr. Ihre Erzählkisten bleiben am Boden der Dummheit kleben.

Andreas Günther


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