Gewalt ist Körpersprache
filmtext.com sprach mit dem Regisseur Kim Ki-Duk über seinen neuen Film

filmtext.com: Herr Ki-Duk, Sie haben einmal gesagt, Haß sei der Ausgangspunkt für alle Ihre Filme. Von welchem Zorn ist Ihr neuer Film "Bad Guy" angetrieben?

Kim Ki-Duk: Ich habe den Begriff "Haß" in einem größeren Zusammenhang benutzt, und Sie sollten ihn wirklich nicht aus diesem Kontext reißen. Ich habe nicht von einem bestimmten Haß gesprochen, der sich gegen eine bestimmte Sache oder Person richtet. Es ist eher das Gefühl, das mich überkommt, wenn ich mein Leben lebe und Dinge sehe, die ich nicht verstehe. Darum mache ich Filme: Ich sehe etwas, das ich nicht verstehe, und drehe einen Film, als Versuch, es zu begreifen. Vielleicht wäre es besser, von Mißverstehen anstatt von Haß zu reden.

filmtext.com: Was wollten sie mit "Bad Guy" über die Welt herausfinden?

Kim Ki-Duk: Die Frage, die ich stellen wollte, war: Weshalb ist es so, dass wir bei der Geburt zwar alle gleich sind, mit den gleichen Rechten und den gleichen Eigenschaften, aber wenn wir älter werden, werden wir eingeteilt und kategorisiert. Warum werden wir nach unserem Aussehen und unserer Erscheinung beurteilt? Warum wird es wichtig, ob wir gut aussehen oder hässlich sind, ob wir Geld haben oder nicht? Gemäß solcher Standards, die uns nach der Geburt aufgezwungen werden, teilt man uns in Schichten und soziale Klassen ein, die nicht miteinander auskommen. Mich hat die Frage interessiert, ob es für diese Klassen tatsächlich unmöglich ist, sich zu vertragen, ob ihre Welten wirklich nicht verschmelzen können.

filmtext.com: Haben Sie eine Antwort auf Ihre Frage gefunden?

Kim Ki-Duk: Meine Antwort wäre, dass die Menschen einander respektieren müssen, unabhängig von sozialer Herkunft, Aussehen oder Geld. Meine Absicht mit dem Film war aber, das Publikum mit der Frage zu konfrontieren. Ich bin sicher, daß jeder seine eigene Antwort finden wird.

filmtext.com: Die Hauptfigur von "Bad Guy", der Zuhälter Hang-gi, ist wie auch die Hauptfiguren in anderen Ihrer Filme ein stiller Mensch, unfähig zur Kommunikation und dazu, sich auszudrücken. Gewalt scheint seine einzige Sprache zu sein. Was ist der Grund für dieses Schweigen?

Kim Ki-Duk: Wenn Menschen in meinen Filmen nicht sprechen, dann weil sie eine ganz tiefe Verwundung in sich tragen. Ihr Vertrauen in andere Menschen ist zerstört, weil Versprechen nicht gehalten wurden. Man hat ihnen etwas gesagt, zum Beispiel "Ich liebe Dich", aber die Person, die das gesagt hat, hat es nicht wirklich ernst gemeint. Wegen solcher Enttäuschungen haben sie ihren Glauben und ihr Vertrauen verloren und ganz aufgehört zu sprechen. Die Gewalt, der sie sich bedienen, würde ich eine Körpersprache nennen. Ich möchte sie lieber als einen körperlichen Ausdruck verstanden wissen, nicht einfach als negative Gewalt. Die Narben und Wunden, die meine Figuren zeichnen, stammen von Erfahrungen, die junge Leute in einem Alter machen, in dem sie auf traumatische Erlebnisse noch nicht antworten können. Sie können sich noch nicht gegen körperlichen Mißbrauch schützen, der zum Beispiel von ihren Eltern ausgeht, oder gegen verbale Verletzungen, oder wenn sie ihre Eltern streiten sehen. Oder wenn sie auf der Straße zusammengeschlagen werden. Wenn so etwas passiert, ist man hilflos und kann nicht damit umgehen. Solche Erfahrungen hinterlassen Narben in den Menschen. Ich habe selbst solche Erfahrungen gemacht, zum Beispiel wurde ich von Kindern zusammengeschlagen, die jünger, aber stärker als ich waren. Ich konnte mich nicht verteidigen. Genauso bei der Marine, da haben mich Soldaten ohne Grund zusammengeschlagen, nur weil sie einen höheren Rang hatten als ich. Mit der Zeit habe ich mich gefragt, warum das sein muß. Diese Frage hat mich immer begleitet, bis ich Regisseur wurde, und jetzt bringe ich meine Gedanken und Gefühle über diese Dinge zum Ausdruck.

filmtext.com: Würden Sie Ihre Filme autobiographisch nennen?

Kim Ki-Duk: Was "Bad Guy" angeht, muß ich zunächst einmal sagen, daß ich Leute wie Hang-gi nicht mag. Aber ich habe einmal jemanden getroffen, der im Rotlichtviertel arbeitet, und er hat mich einfach so zusammengeschlagen. Ich habe den Mann damals gehaßt, ich habe ihn überhaupt nicht verstanden, aber ich wollte ihn verstehen. Mit meinem Film habe ich versucht, die Psyche dieses Charakters zu erforschen um herauszufinden, was ihn so handeln läßt.

filmtext.com: Was ist an den Gerüchten dran, Hollywood wolle ein Remake von "Bad Guy" mit Ihnen als Regisseur drehen?

Kim Ki-Duk: Ich würde gerne eine Hollywood-Version von "Bad Guy" machen, mit amerikanischen Schauspielern wie zum Beispiel Brad Pitt, aber das ist mein persönlicher Wunschtraum, es hat noch niemand aus Hollywood Kontakt mit mir aufgenommen.

filmtext.com: Glauben Sie nicht, Ihre sehr eigene, gewaltsame Ästhetik würde mit dem Hollywood-System in Konflikt geraten?

Kim Ki-Duk: Von Außen sieht es so aus als gäbe es einen sehr strengen Code, auf den sich Hollywoodfilme verpflichten, aber ich glaube, das ist nicht wirklich so. Sie drücken das aus, was sie ausdrücken wollen, aber auf indirekte Weise. Darum möchte ich dort arbeiten, um ihre Methode zu benutzen und sie zu untergraben. Aber wenn es möglich wäre, würde ich auch gerne eine französische Version von "Bad Guy" machen, im französischen Stil.

filmtext.com: Auf Ihrer Website www.kimkiduk.com beschreiben Sie Ihre Filme als "semi-abstrakt". Was bedeutet das?

Kim Ki-Duk: Es bedeutet, daß ich in meinen Filmen nicht nur die Realität darstelle, sondern versuche, unsere Gedanken und Gefühle zur Welt, wie wir sie sehen, hinzuzufügen.

filmtext.com: Bevor Sie Filme gemacht haben, waren Sie Maler. Besonders Ihr Film "The Isle" scheint weniger narrativ, als eher mit surrealer Metaphorik verbunden zu sein. In "Bad Guy" spielen die Bilder von Egon Schiele eine bestimmte Rolle.

Kim Ki-Duk: Ich habe seine Bilder für "Bad Guy" gewählt, weil sie auf den ersten Blick vulgär aussehen und scheinbar obszöne Motive darstellen. Aber wenn man sie sich genau anschaut, sind sie sehr ehrlich. Es sind Bilder von Leuten, die im Verlangen aufgehen.

filmtext.com: Schiele hat häufig Prostituierte und "gefallene Frauen" gemalt, ähnlich den weiblichen Figuren in "The Isle", "Address Unknown" und "Bad Guy". Was fasziniert Sie an Frauen, die dazu gezwungen sind, ihren Körper zu verkaufen?

Kim Ki-Duk: Ich sehe Frauen auf einer höheren Ebene als Männer. Sie haben etwas zu bieten, das die Männer brauchen, wofür sie sogar zu zahlen bereit sind. Die meisten Leute werden anderer Meinung sein, aber so wie ich es sehe, ist das Verhältnis zwischen Frauen und Männern immer eine Art von Prostitution, selbst wenn kein Geld den Besitzer wechselt. Die Schwierigkeiten zwischen Männern und Frauen erzeugen die Energie, die die Welt am Laufen hält. Es ist ein universaler Konflikt, aber auf eine Weise spiegelt er auch kulturelle Differenzen. In Europa herrscht seit einiger Zeit Stabilität, und es gab wenig Probleme zwischen den Geschlechtern. Die europäischen Filme spiegeln diesen status quo wieder, sie sind eher zurückhaltend. Asiatische Filme sind viel impulsiver und gewalttätiger, weil der Konflikt zwischen Männlich und Weiblich noch sehr stark ist.

filmtext.com: Hat "Bad Guy" denselben feministischen Zorn ausgelöst wie Ihre vorherigen Filme?

Kim Ki-Duk: Ja, definitiv. 90 Prozent der weiblichen Kritiker haben den Film verrissen. Aber das Publikum des Films bestand zu 80 Prozent aus Frauen. Das normale Publikum ist sehr empfänglich für den Film, es versteht ihn. Wenn Sie es so sehen, daß Kim Ki-Duk das Unglück der Frau, über die er erzählt, erschafft, ist das sehr gefährlich. Aber wenn Sie den Film als Schilderung eines Problems sehen, das bereits in der Gesellschaft existiert, können Sie "Bad Guy" nicht wirklich hassen.

filmtext.com: "Bad Guy" ist in Korea zur Zeit der erfolgreichste Film. Was ist schiefgelaufen?

Kim Ki-Duk: Das liegt am Hauptdarsteller Cho Jae-Hyun, der Hang-gi spielt. Er ist plötzlich zu Ruhm gekommen, weil er in einer Fernsehserie spielt, die sehr populär geworden ist. Es ist also nicht allein meine Schuld.

Mit Kim Ki-Duk unterhielt sich Volker Hummel


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