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Das war einfach so ne Böschung Ulrich Köhler über seinen neuen Film "Montag kommen die Fenster"
filmtext.com:
In deinem ersten Film Bungalow desertiert ein junger Rekrut, aber er ist dabei ziellos, passiv. In Montag bricht eine Frau aus ihrem Familienalltag aus, aber sie ist ebenfalls ohne Plan, weiß nicht, was sie will. Was macht deine Figuren eigentlich so unzufrieden, und warum sind sie so orientierungslos?
Ulrich Köhler:
Das ist aber jetzt verdammt psychologisch, die Antwort kann nicht monokausal sein, aber anderes herum gefragt, was macht dich eigentlich so unzufrieden heute morgen ?
filmtext.com:
Ich bin gar nicht unzufrieden heute morgen. Die Sonne scheint, ich habe über deinen Film nachgedacht, ein guter Tag. Aber sonst bin ich sehr oft unzufrieden, zugegeben. Ich bin auch orientierungslos, ich weiß nicht, ob man das unbedingt psychologisch verstehen muss. Jedenfalls habe ich deshalb das Gefühl, deine Filme sagen etwas über meine Generation oder SItuation.
Ulrich Köhler:
Okay, ich versuche mal mehr zu sagen, das sind zwei verschiedene Figuren mit unterschiedlichen Problemen. Reden wir also über Nina. Sie ist aus der Großstadt Berlin in die Kleinstadt Kassel gezogen, ihr Leben war trotz ihrer Familiensituation bis zu diesem Zeitpunkt immer noch offen, vielleicht hätte sie eine Professur an der Uni kriegen können oder nach Australien auswandern und in einem Aborigines - Camp Känguruhbisswunden pflegen können oder sie hätte noch mal was anderes studieren können, damit sie nicht tagein tagaus komatöse Menschen sehen muss, die von anderen aufgeschnitten werden. In Kassel zurrt sich aber plötzlich alles zusammen, und bald wird sie wissen, mit welchen Fliesen sie den Rest ihres Lebens verbringen wird, da kann einem docch schon mal die Laune vergehen, oder?
filmtext.com:
Aber all diese Möglichkeiten sind im Film nicht erwähnt. Sie langweilt sich zwar eindeutig in ihrer neuen Situation, aber das liegt nicht nur an der Situation, und, da sie planlos wirkt, auch nicht an einer verpassten Möglichkeit, sondern irgendwie als ein existentielles Problem. Ich will auf die metaphysische Obdachlosigkeit hinaus, und was du dazu meinst.
Ulrich Köhler:
Ich glaube, dass die Sinnkrise, von der du redest, nicht nur unsere Generation bestimmt, sondern auch schon Musils Ulrich, Lowrys Konsul oder Bachmanns Malina erfasst hat. – Die interessante Frage ist vielleicht die: Leiden Menschen wirklich unter „abstrakten“ Problem oder tun das nur Romanfiguren? Mit 17 oder 18 habe ich zuviel Existentialisten gelesen und meinem postpubertären Leiden eine metaphysische Dimension gegeben. Später habe ich das als selbstverliebt romantischen Pathos abgetan und gedacht, alles hat einen konkreten Anlass und eine psychologische Erklärung. Wenn mir jemand mit seinem Weltschmerz kam, dachte ich einfach, der braucht eine Freundin oder einen Freund.
Aber das ist auch zu einfach gedacht. Die meisten Krisen – zumindest die des nicht existentiell bedrohten Bürgertums - haben zwar konkrete Auslöser, emotionale Probleme mit dem Partner, Unzufriedenheit mit dem Beruf ec. aber sie können auswachsen zu metaphysichen Krisen.
Menschen können darunter leiden, dass es keinen zwingenden Grund gibt, am Leben zu bleiben oder gut zu sein oder ehrlich - und eine Mutter kann auch leiden, dass es keine zwingenden Grund gibt seine eigene Tochter zu lieben, wenn man sie eigentlich ein bisschen langweilig findet.
- Umgekehrt gilt auch: wirklich gläubige Menschen sind glücklicher, das habe ich jetzt zum Beispiel wieder an Missionaren in Afrika gesehen, das heißt aber natürlich nicht unbedingt, daß sie ihre Umgebung glücklicher machen...
filmtext.com:
Also ein romantisches Thema, auch im kunstgeschichtlichen Sinn. Aber du gehst eben nicht romantisch damit um, in Montag noch weniger als in Bungalow Zum Schluss, das vermeintliche happy end, ist ja keines, aber auch keine Katastrophe.
Inhaltlich fand ich es nicht völlig klar, dass sie ihre Tochter nicht liebt. Das mit dem einen anderen aus dem Kita mitnehmen könnte auch rein abstrakte überlegung sein, das mit dem an den haaren ziehen impuls.
Ulrich Köhler:
Soll auch nicht völlig klar sein - aber zumindest ist sie als Mutter bereit, ihre Tochter im Urlaub im Stich zu lassen, sie ist bereit, dieses Tabu zu brechen...d ie Erwartungen, die an eine liebende Mutter gestellt werden, zu enttäuschen... "Alles" von Bachmann eine sehr schöne, traurige und tabulose Kurzgeschichte, war da ziemlich inspirierend, aber dann sind andere Themen wichtiger geworden ... letztendlich interessiert mich wie bei Bungalow auch die Frage: was passiert wenn gesellschaftlicher Konsens, wenn selbstverständlich geglaubt Handlungsnormen aufgekündigt werden... das ist sozusagen die Versuchsanordnung dieser beiden Filme.
filmtext.com:
Deine Erzähl-Ästhetik ist nicht romantisch, Bildungsroman sowieso keiner, aber auch keine gefühlige existentielle Revolte, auch nicht so im Sinne von: wenigstens den Augenblick leben. Die Erzähl-Ästhetik ist in diesem Sinn rein beschreibend, Du weißt keine Lösung für diese Probleme.
Ulrich Köhler:
Ich bin nicht intelligenter als meine Protagonisten und will auch nicht intelligenter als mein Publikum sein.
filmtext.com:
Dem entspricht ja auch deine erklärtermaßen anti-psychologische Erzählweise: die Beobachtung vom Zuschauer abverlangt, statt ihm alles Vorzuverdauen, sowohl auf der eben der Ereignisse, als auch der Motivation.
Ulrich Köhler:
Wenn ich ins Kino gehe will ich nicht in die Schule gehen, und ich hoffe so geht es meinem Publikum auch so. Ich bin kein „Educator“ (Weingartners englischer Filmtitel).
filmtext.com:
Also, was für die Protagonisten inhaltlich krisenhafte Züge hat, ist auf der Ebene des Films eine Tugend: Freiheit.
Ulrich Köhler:
Ja, ich glaube eines der größten Glücksmoment im Kino kann ein Gefühl von Freiheit sein - also Freiheit verstanden als die Möglichkeit zu einem anderen Leben - es gibt keinen Regisseur, der einem diese Gefühl stärker vermittelt als Godard... ob mir das gelungen ist, möchte ich bezweifeln.
filmtext.com:
Aber warum ist es im Kino ein Glücksgefühl, im Leben aber furchteinflößend?
Ulrich Köhler:
Weil wir alle so furchtbar phantasielos sind - Nina in Montag zum Beispiel hat einfach keine Vision von einem anderen Leben. - Da kann man dann schon mal aus Wut ein Fahrrad gegen einen Baum schleudern - das war jetzt nicht das richtige Verb - wenn man mit einer Verweigerung konfrontiert ist, die keine Alternativen benennen will und kann. Du kannst das natürlich auch positiver bewerten: Sie ist Realistin und glaubt nicht daran, dass ein anderes Leben weniger festgefahren sein wird.
Vielleicht fehlt da auch eine eigentlich schöne Szene, die wir aus Rhythmusgründen opfern mussten. In der Szene wird klar, daß Frieder und Maria eigentlich viel besser zueinander passen würden, als er und Nina, dass er aber trotzdem oder gerade deshalb Nina mehr liebt. - Das wird jetzt wieder superpsychologisch, du lockst mich echt in die Falle des Figurenhintergründe - Ausplauderns, die ja gar nicht zwingend sind...
filmtext.com:
...was hast Du eigentlich gegen Psychologie?
Ulrich Köhler:
...sondern eine von vielen Möglichkeiten, sich das Verhalten eines Menschen zu erklären, sie helfen dem Autoren nur dabei eine kohärente, glaubwürdige Figur zu erzählen - scheint mir in dem Fall ja nicht gelungen zu sein.
filmtext.com:
Wer ist Isabelle Menke?
Ulrich Köhler:
Meine Casterin Nina Haun hat Isabelle entdeckt, sie ist ein tolle Theaterschauspielerin, die im Moment in Hannover im Ensemble ist. Sie hat nicht viele Filme gemacht, aber was sie gemacht hat und was ich gesehen habe, fand ich sehr überzeugend, ich wollte sie umgehend casten und wusste eigentlich auch sofort, dass ich sie für die Rolle haben will
Im Casting und den Proben haben Hans Jochen und sie sehr witzige grossartige Improvisationen hingelegt und davon ist dann auch einiges in das Script eingeflossen. Der letzte Dialog im Film zum Beispiel ...
Ulrich Köhler:
der letzte Satz war allerdings ursprünglich: „das Leben ist voller Überraschungen“...darunter habe ich sehr gelitten – den habe ich dann erst in der Mischung ausgetauscht, habe eine Preis ausgelobt für den besten Synchronsatz und so kam es zu: „Das war einfach so ne Böschung.“ Das Problem ist bloß: jedes Mal wenn ich den Satz höre, muss ich so lachen das die ganze Szene für mich und für andere Eingeweihte nicht mehr funktioniert.
filmtext.com:
Das ist ja auch irre, wie in diesen Szenen, wo sie sich den Tod vor Augen wiedertreffen, das alles an ihnen abperlt, dabei versteckt sich eine mögliche Schuld-Frage darin - also eine Schulddimension
Ulrich Köhler: Direkt schuldig sind sie nicht, sie sind ja nicht die behandelnden Ärzte. Das mit der Einnahme des Medikaments auch Risiken verbunden sind, das stimmt natürlich - was mich an dem Dialog und der Situation interessiert hat, war die Tatsache, dass sie im gemeinsamen Tabubruch - das Schwänzen der Beerdigung, der ironische Umgang mit Nicos tragischem Tod (rings a bell?) - wieder zueinander finden könnten...
filmtext.com:
Ja. Aber das ist trotzdem ganz schön trostlos...
Ulrich Köhler:
Das ist dann wohl meiner zynische Ader oder meiner damaligen Stimmung zuzuschreiben...
filmtext.com:
Wie ist das so bei einem zweiten Film? Die Kontinuitäten sind ganz klar natürlich, fast wie der Anfang einer Trilogie. Der formal große Unterschied ist das Fehlen an dramatischer Dynamik in Montag, die formale Schließung, finde ich.
Ulrich Köhler:
Das Erstaunliche an Montag ist, dass er jetzt als ein Film wahrgenommen werden kann, der in einer Kontinuität steht, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte anders zu arbeiten bei diesem Film, etwas neues zu wagen: Ich wollte ein dialogreiches Buch schreiben, das war es auch am Anfang, aber mit jeder Überarbeitung fielen Sätze weg - ich konnte den Minimalisten in mir einfach nicht bremsen. Ich wollte den Schauspielern mehr Freiraum geben, mehr improvisieren, die Kamera dem Spiel unterordnen, auch davon werden die Schauspieler wenig gemerkt haben, außer vielleicht dass die Proben improvisationsreicher waren.
Ich habe mit einem viel kleineren Team gearbeitet als bei Bungalow, wollte die Technik klein halten, keine Fahrten machen zum Beispiel, höchsten Schwenks vom Stativ und Handkamera ...
Letzten Endes haben wir dann einfach nur mit weniger Technik denselben Aufwand betrieben - wir hatten mehr Zeit und dadurch konnten wir dennoch realtiv genau arbeiten. Für die Ausstattungsabteilung, für Silke Fischer und Volko Kamenski war das sehr hart, denn obwohl das Konzept Originalmotive vorsah, musste dann doch überall etwas umgebaut oder ergänzt werden. Das Haus zum Beispiel war ein leerstehendes Abrisshaus...worauf ich hinaus will:
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich doch nicht so weit über meinen Schatten springen kann. Vieles, was in meinem Film nach Konzept aussieht ist Intuition: Ich wollte zum Beispiel höher auflösen als in meinem letzten Film und doch habe ich immer so inszeniert, dass ich die Szene auch in einer Einstellung erzählen kann, am Ende sind es sogar 20 Schnitte weniger geworden als bei Bungalow.
- Ich bin dann eben doch sehr gefangen in mir selbst und wenn mir das jemand vorwirft, dann verstehe ich das. Vielleicht muss man mich einfach mal ohne Geld mit drei Schauspielern, meinem Kameramann Patrick Orth, meinem Tonmann Johannes Grehl einem Mikro und einer Videokamera auf einer Insel abwerfen...vielleicht entwickle ich dann etwas Neues - ich bewundere sehr die Künstler, die sich immer wieder in Frage stellen und etwas völlig Neues auf die Beine stellen
filmtext.com:
War die Schlaufe extra für den Film gemacht?
Ulrich Köhler:
die Schlaufe war in der Tat sehr aufwendig, das haben wir unterschätzt. Wir waren von vornherein verliebt in die Idee, Silke hatte ein Foto entdeckt von einer Jubiläumsfeier, wo schon ein Mal so ein Ding an einem Hotel hing - da haben dann am Ende 20 Leute inklusive Produktionsleitung und 4 Bergsteiger daran gearbeitet, das Ding aufzuhängen – das heißt dann Low Budget - aber was noch viel besser ist: die Szene wäre um ein Haar beim Schnitt rausgeflogen...
filmtext.com:
Warum wieder ein Film über die deutsche Provinz?
Ulrich Köhler:
Eigentlich auch eher ein Scheitern, das ist schließlich Kassel, war ein Versuch auf dem Weg in die Großstadt einen Zwischenstopp einzulegen...mein nächster Film spielt übrigens in einem afrikanischen Dorf, wenn er denn überhaupt finanziert wird.
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